Unrecht vergeht nicht

In den Münchner Kammerspielen besichtigt Jossi Wieler Sophokles’ selten gespieltes Alterswerk «Ödipus auf Kolonos», im Hamburger Thalia Theater verknüpft Nicolas Stemann Euripides und Goethe zu einer Doppel-«Iphigenie»

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Ein dünnes Rinnsal zackt quer über die Bühne von Barbara Ehnes. Düsteres Licht, sanftes Geplätscher, das in einem kleinen Vorbühnen-Schneerest versickert. Athen kann sehr kalt sein, und selbst die größten griechischen Helden frieren erbärmlich, wenn man ihnen die Sonne abdreht: Stephan Bissmeier zittert beschaulich auf kargem Holzschemel wie der alte Bauer, dem die Hoferben den Stuhl vor die Tür gestellt haben. Nur mit dem Unterschied, dass im Alpenland noch auf den bösesten Grantler mittags der Schweinebraten wartet, während bei Sophokles gerade die Welt untergeht.



«Ödipus auf Kolonos» ist das Endspiel des greisen Tragöden. Im Jahr vor seinem Tod 405 v. Chr, im damals fast überirdischen Alter von 90 Jahren, lässt Sophokles den legendären Vatermörder und Mutterschänder ein letztes Mal auferstehen, um in auswegloser Situation doch noch ein paar Hoffnungsfunken zu zünden. Die attische Demokratie war von egozentrischen Demagogen wie Alkibiades zerrüttet, die Wirtschaft von verheerenden Feldzügen ruiniert, die Mauern von Spartanern und Thebanern belagert, der endgültige Kollaps nur eine Frage der Zeit. Ausgerechnet Ödipus, wie Athen vom stolzen König zum Häufchen Elend geschrumpft, soll ...

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Theater heute November 2007
Rubrik: Aufführungen/Festivals, Seite 24
von Franz Wille

Vergriffen
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