Unheilbar dem Leben verpflichtet

Die Berliner Schaubühne zeigt beim FIND-Festival Arbeiten von Kirill Serebrennikov und Ren Hang, Selina Thompson und Angélica Liddell

Theater heute - Logo

Lakonisch plakatieren die Bühnenarbeiter zu Beginn der Inszenierung einzelne Papierbahnen zum Prospekt. Die Fotografie fixiert einen nackten Mann im Moment des Sprungs, allein auf einer sonnigen Dachterrasse. Seine Arme umfassen die angewinkelten Beine, das lange pechschwarze Haar verhüllt sein Gesicht und steht steil in der Luft, aller Schwerkraft zum Trotz. Die geballte Dynamik des Sprungs kontrastiert ihre menschenleere Umgebung, in Geometrie und Beton erstarrt: ein endloser Horizont monotoner Hochhausarchitekturen.

 

Als der chinesische Fotograf Ren Hang das Bild im Jahr 2012 arrangiert, ist er gerade 25 Jahre alt und veröffentlicht seine Arbeiten in den sozialen Medien. In privaten Shootings fotografiert er seine Freund:innen allesamt nackt, in akrobatisch anmutenden Posen, oder drapiert ihre Körper mit skurrilen Objekten, Tieren und Pflanzen. Er platziert einzelne nackte Körper meditativ verloren in Landschaften – oder inszeniert umgekehrt Landschaften aus nackten, ineinander verschachtelten Körpern. «My pictures’ politics have nothing to do with China», erklärte der mehrfach wegen Pornografie verhaftete, schwule Fotograf im Magazin «Dazed» 2014. «It’s Chinese politics that ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Dezember 2021
Rubrik: Festivals, Seite 37
von Anja Quickert

Weitere Beiträge
Wenn Hochhäuser Trauer tragen

Dass Frauen in Theaterstücken unter sich bleiben, kommt derzeit häufiger vor. Im vorliegenden Fall leben eine Großmutter, Mutter und Tochter zusammen in einer Wohnung und verhandeln klassisches Dramenpotenzial. Die Tochter wurde, wie sie selbst sagt, von einer Minute zur anderen erwachsen: «Juhu / Mit 17. / Keinem Kuchen und keiner Kerze / Mit zwei blauen Strichen,...

Die Frau ist der Frau eine Wölfin

Der Mensch ist dem Mensch ein Wolf. Auch wenn es sich bei beiden Menschen um Frauen handelt. So erzählt es Anna Bergmann, Schauspieldirektorin am Staatstheater Karlsruhe, in ihrer Bühnenfassung von Christa Wolfs Roman «Medea. Stimmen». Wo im Roman die mythologische Figur Medea noch von den Intrigen eines männlichen Kontrahenten, nämlich dem Astronomen Akamas,...

Ziemlich beste Recherchegringos

Eines muss man den Putins, Lukaschenkos und Erdogans dieser Welt lassen: Sie vergiften Oppositionelle derart öffentlichkeitswirksam oder sperren sie derart sichtbar weg, dass die ganze Welt es mitbekommt. In Lateinamerika ist das seit den dunklen Jahren der Militärdiktaturen in Ländern wie Chile, Argentinien und Brasilien etwas anders. Dort ließ und lässt man...