Unermesslicher Abstand, trügerische Nähe
Ferner ist keiner. 200 Jahre ist Kleist nun tot, ein Doppelselbstmord am Wannsee von einem, «dem auf Erden nicht zu helfen war». Radikaler, unversöhnter mit dem Relativierenden des alltäglichen Lebensvollzugs in der «gebrechlichen Einrichtung der Welt» als Kleist war keiner unserer Klassiker. Im Zeitalter von Ironie, achselzuckendem Laissez-faire und ideologischer Desillusionierung erscheinen seine Gefühlsfundamentalisten und Prinzipienreiter mit ihren absolutistischen Sprachbildern, grandiosen Verstiegenheiten und weltabgewandter Unbedingtheit wie rasende Sonderlinge.
Das hat nicht nur mit den 200 verstrichenen Jahren zu tun. Auch seinen aufgeklärten Zeitgenossen blieb der an der Aufklärung verzweifelte Kleist sehr fremd. Am nächsten kam man seinen Dramen und Erzählungen wohl immer schon, wenn wenigstens ein Rest von Sehnsucht nach der großen Hingabe mit im Spiel war bei der Beschäftigung mit der Unlebbarkeit seiner überlebensgroßen Entwürfe und ihres Scheiterns.
She She Pop und die Marquise von O.
So ein, selbstredend ironisch ummänteltes, Verlangen kann man vielleicht den She-She-Poppern Lisa Lucassen und Sebastian Bark unterstellen, die sich der ohnmächtig geschwängerten Marquise ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Januar 2012
Rubrik: Aufführungen, Seite 26
von Barbara Burckhardt
Eine grüne Drehbühne, im Hintergrund eine runde Bildprojektion. Vorn ein Stehpult für die Hauptdarsteller: Erst spricht der Bundespräsident, dann die Kanzlerin und jetzt der Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Er dreht und wendet etwas linkisch das Manuskript, bevor er anfängt. Dafür gibt es vom gefüllten Auditorium des Badischen Staatstheaters Szenenapplaus....
Eine schmucke kleine Hochzeitsgesellschaft, vielleicht irgendwo auf dem Balkan, wo das legendäre Illyrien liegen soll, vielleicht auch bloß beim Griechen in Bochum-Stiepel. Die Braut trägt Weiß, der Vater des Bräutigams packt langen Unsinn in eine kurze Rede, der Kellner ist nervös, der Bräutigam gibt sich Mühe, nett zu sein. Bis dahin ist alles korrekt (abgesehen...
Vor zwanzig Jahren war Marlene Streeruwitz eine erfolgreiche Dramatikerin. Vor zehn Jahren stellte sie, enttäuscht vom Theaterbetrieb, die Dramenproduktion ein und wurde zu einer erfolgreichen Romanautorin. Im Wiener Schauspielhaus, wo 1994 ihr Stück «Tolmezzo» uraufgeführt worden war, stand die Autorin jetzt nach langer Zeit wieder einmal auf einer Theaterbühne,...
