Und mir grausts

Als 1976 die ersten Mülheimer Theatertage stattfanden, hieß der Preisträger Franz Xaver Kroetz. Sein Stück «Das Nest» handelt vom Lastwagenfahrer Kurt, der im Auftrag seines Chefs Gift in einem kleinen Badesee verklappt, in dem auch seine Frau Martha ihren Säugling badet. Am Ende wird das Kind gerettet, Kurt hat sich und seinen Chef angezeigt und darf doch auf einen guten Ausgang hoffen, weil «die Gewerkschaft, das sind viele». 29 Jahre später hat sich Kroetz für den Jubiläumsband «Sonderstück» zum 30. Mülheimer Stückefestival noch einmal Kurts Satz von damals vorgenommen: «Mensch bin ich keiner, oder höchstens im üblichen Sinn.» Was ist aus dem Weltverbesserungs­-optimismus des kritischen Volksstücks der Siebziger geworden, was ist in Zeiten der globalisierten Ökonomie vom sozialen Realismus der mittleren Bundesrepublik zu halten? Was sagt der alte Kroetz zum «Nest» vom jungen Kroetz?

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I

mensch bin ich keiner oder höchstens im üblichen sinn – der satz korrespondiert mit marthas erkenntnis, daß ihr mann ein dres­sier­ter aff sei, also nicht mal ein mensch im üblichen sinn.
die geschichte vom NEST hab ich schon mal mit 15 oder 16 jahren geschrieben; allerdings pubertär schwülstig, obwohl der hintergrund deutlich war: die in die nachkriegszeit mitlaufende nazivergangenheit der eltern. das befehlsempfängertum.
und die verheißung des zugenagelten daseins schon von kindesbeinen an.

ich erinnere mich noch gut, daß meine liebe mutter, die eigentlich eine fortschrittlich-österreichische hausfrau war, verglichen mit dem niederbayrischen konservatismus meines beamten-vaters, daß meine mutter zu mir, als ich in die volksschule ging und dort als dünnes, ängstliches einzelkind probleme hatte, tröstend gemeint sagte: franzl, es wird immer einen geben, der über dir drüber ist. damit mußt du dich abfinden, danach mußt du dich richten, früh krümmt sich, was ein häkchen werden will. man muß sich nach der decke strecken usw. usf. einübung in den menschen im üblichen sinn.
das war ihre gelernte überzeugung, die aus ihrer lebenserfahrung als frühe kriegswitwe kam, die, als sie meinen ...

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Theater heute Mai 2005
Rubrik: Essay, Seite 22
von Franz Xaver Kroetz

Vergriffen
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