Übungen im Zuhören

Necati Öziri korrigiert am Schauspielhaus Zürich Wagners «Ring des Nibelungen», in Bielefeld verdichtet Anne Jelena Schulte Recherchen am Bethel Klinikum zu «Die Normalen/Ist kein Balsam in Gilead»

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Auf der Pfauen-Bühne steht ein Fließband, das Symbol entfremdeter Arbeit schlechthin. Nils Kahnwald bricht eine weiße Substanz in backsteingroße Brocken, diese wandern in einen großen Aluzylinder und von dort aus verflüssigt in verschiedenfarbige Zapfstationen. Im Verlauf der Aufführung füllt das Ensemble nebenbei immer mal wieder kleine Portionen daraus in kleine Dosen ab, die auf Tabletts in einer Vitrine gelagert werden.

Was genau wird da eigentlich hochsymbolisch produziert? Ein Kunststoff, Drogen oder das verfluchte Gold, aus dem «Der Ring des Nibelungen» geschmiedet ist? 

Necati Öziri, Autor dieser Version der mythischen Wagneroper, tritt in Basecap, T-Shirt, Jogginghose an die Rampe: «Willkommen, bienvenue, hos geldini! Götter, dieux, tanrilar!», begrüßt der 1988 in Datteln geborene Dramatiker freundlich das Schweizer Premierenpublikum und fragt nach den «Wagner-Ultras»: «Wer von euch kennt die Oper, wer war schon mal in Bayreuth, wer hat das Libretto wirklich ganz gelesen?» Am Ende sieht es gar nicht so gut aus für das bildungsbürgerliche Erbe im Zürcher Schauspielhaus, das zu schleifen Öziri und sein Regisseur, Christopher Rüping, angetreten sind, aber vielleicht trauen ...

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Theater heute März 2022
Rubrik: Aufführungen, Seite 11
von Eva Behrendt

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