Tugend ohne Gegenstand

Opernmusik müsse man so inszenieren und kompositorisch reformulieren, wie Regisseure Stoffe neu formulieren, meint unermüdlich unser Autor. Nicht nur gelungene Beispiele von Sebastian Baumgarten, David Marton und Jossi Wieler

Nach Hysterialand linksum!», steht in roter Typografie auf der ersten Seite des Programmhefts der «Tosca». Das Motto stammt von Martin Kippenberger. «Ich kann mir doch nicht jeden Tag ein Ohr abschneiden», beeilt sich Lars Rudolph in der Rolle des Cavaradossi mit einem zweiten Kippenberger-Zitat. Was hat der mit «Tosca» zu tun? Nun, wie der verstorbene Kippenberger ist auch Cavaradossi, der Boyfriend der Tosca, ein Künstler. Da liegt es nahe, dem einen die Sentenzen des anderen in den Mund zu legen.

Man hätte zwar auch auf goldene Worte irgendeines anderen der vom Artnet verzeichneten fünfstelligen Zahl der im internationalen Kunsthandel als relevant gehandelten zeitgenössischen Künstler zurückgreifen können, aber man kann ja nicht über alles nachdenken. In Sebastian Baumgartens «Tosca» in der Volksbühne gab es viele solcher beliebig bis gewaltsam konstruierten Zusammenhänge zwischen dem Material und Ansichten, Vorlieben und aktuellen Lektüren von Regie und Dramaturgie. Aber diese Inszenierung war ein Schritt in die richtige Richtung. Auch wenn man in 666 Jahren nicht verstehen wird, was zum Beispiel Aleister Crowley in diesem Plot verloren hat.
 

Mit Musik aus der Krise?

Die ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute April 2008
Rubrik: Aufführungen, Seite 23
von Diedrich Diederichsen

Vergriffen
Weitere Beiträge
Die Geschichte geht weiter

Noch bevor es richtig losgeht, sind sie alle baden gegangen. Zwei Paare, zwei Kinder, zweieinhalb Generationen bundesdeutscher wochenendalkoholisierter gehobener Mittelstand sind schneller abgesoffen, als sie denken konnten. Man hatte eine kleine Bootspartie auf dem See neben der Villa unternommen, da war ihnen die alte Calypso vollgelaufen. Die griechische Göttin...

Gegenkritik

Die Frage ist: Wie deutlich muss man werden? Seit Jahren läuft zwischen Theatermachern und -kritikern immer dasselbe Spiel: Die Regisseure inszenieren so drastisch wie möglich, die Rezensenten werfen ihnen Plattheit vor, und am Ende heißt es immer, man solle den Zuschauer doch nicht für dumm erklären, er würde das auch so verstehen.

Nun kann man sich auf den...

Porträt des Künstlers als Legende

Klaus Kinski war schon zu Lebzeiten eine Legende und wurde es nach seinem Tod 1991 um so mehr. Und wie man so sagt bei Legenden: «Ich habe ihn noch erlebt.» 1962, als er auf Deutschlandtournee in wechselnden Kostümen und Dekors Monologe von Hamlet bis Franz Moor schrie, kreischte, flüsterte und ächzte. Wenn jemand an der falschen Stelle hustete oder lachte,...