Totendämmerung
Das Einschussloch im Schulterblatt der Theaterbesucherin vor mir ist verkrustet, aber klar zu erkennen – und es ist irritierend schön: die Mitte fast schwarz, drum herum Dunkelpurpur auf grüner Uniform, Blut ist zu Rubinen kristallisiert, Eiter zu Glitter geronnen. Ganz ähnlich ihr Nachbar, bei dem die Verwesung schon weiter fortgeschritten scheint: Großflächige Fäulnis schimmert hier in Grünweiß, Kristalle brechen aus Schwären hervor.
Etwa 30 bleiche, glitzernde Tote, fantastisch ausgestattet von Petra Schnakenberg, sitzen im Publikum verteilt.
Sie alle sind im Bruderkrieg um Theben gefallen, gemeinsam mit ihren jeweiligen Anführern, Polyneikes und Eteokles. Nun kommentieren sie das Geschehen, präzise wie immer beim Dortmunder Sprechchor, und mit antiker Wucht.
Auf der Bühne setzt Regisseurin Ariane Kareev kurze, aufs Wesentliche reduzierte Sprechszenen in Dialog mit stummen Szenen, in denen zwei Akrobatinnen die Handlung über -nehmen. Die Macht in Theben übt jetzt Onkel Kreon aus, bei Ekkehard Freye ein narzisstischer Technokrat in Weiß. Er erlässt umgehend ein Dekret – derzeit ja die angesagte Form des demokratisch verbrämten Alleinherrschens –, das bei Todesstrafe verbietet, ...
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Theater heute April 2025
Rubrik: Chronik, Seite 56
von Cornelia Fiedler
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