Todestänzer und Drachentöter
Nein, dieser Weg ist nicht das Ziel. Eher das Gegenteil, ein zugiger Durchgangsort, an dem jeder, der hier gestrandet ist, so schnell wie möglich weiter will. Man kann das als handfeste Gesellschaftskritik zum Thema Flüchtlingspolitik verstehen oder auch eher poetisch-prinzipiell. «Camino Real», so der Titel von Tennessee Williams’ surrealer Szenenfolge, ist der Königsweg, aber auch die Straße der Wirklichkeit, ein Sprungbrett zu neuen Ufern und ein Sammelplatz für alle, die sonst nirgendwo mehr hingehören.
Für das amerikanische Publikum im Jahr 1953 war das auf jeden Fall eine Überforderung. Die Broadway-Uraufführung in der Regie von Elia Kazan löste mehr Verstörung als Verständnis aus. Es hagelte Verrisse, und das Stück gehört bis heute nicht zu den vielgespielten Klassikern des Südstaatendramatikers.
«Camino Real»: Traumbilder im Fluss
Für Williams enthielt jedoch gerade dieses Werk «nicht mehr und nicht weniger als meine Wahrnehmung der Zeit und der Welt, in der ich lebe», ein akribisch gestaltetes Chaos mit dem Ziel, dem Publikum sein «Gefühl von etwas Wildem, Ungezähmten zu vermitteln, das wie wildes Wasser über die Berge strömt oder wie vom Sturm zerzauste Wolken. Oder wie ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Mai 2015
Rubrik: Aufführungen, Seite 23
von Silvia Stammen
Hier regiert ordentlichste Bürgerschrecklichkeit: Die Manuskript-«Reinschrift auf Bütten» ist Frank Castorfs Text- und Verhandlungsgrundlage seiner fünfstündigen Hamburger Hans-Henny-Jahnn-Bewältigung, die die 186 Manuskript-Seiten etwas gestrafft und nur mit minimalen Einschüben zu Gehör bringt. Wobei «Reinschrift auf Bütten» Jahnns Grundspannung schön auf den...
Alvis Hermanis mag die Menschen nicht, wie sie so vor ihm stehen. Er mag sie nur verfremdet. Über Umwege. Mit extremen Masken. Alt. Uralt. Zu diesem Schluss muss man jedenfalls kommen nach seinem «Kaspar Hauser» 2013 und seinen «Schönsten Sterbeszenen in der Geschichte der Oper» 2015 im Zürcher Schiffbau. Beim Hauser baute er Kinder in Greise um und hängte sie an...
Wenn junge Schauspielerinnen ans Burgtheater engagiert werden, fangen sie üblicherweise erst einmal klein an. Oder sie spielen klassische Jungschauspielerinnenrollen wie Julia oder Luise. Stefanie Reinsperger, damals noch 26, debütierte vergangenen September mit dem fünfzehn Minuten langen Solo eines «schwarzen Negers aus Somalia», der sich wegen Piraterie vor...
