Zürich: Der Tod der Proust-Leser
Alvis Hermanis mag die Menschen nicht, wie sie so vor ihm stehen. Er mag sie nur verfremdet. Über Umwege. Mit extremen Masken. Alt. Uralt. Zu diesem Schluss muss man jedenfalls kommen nach seinem «Kaspar Hauser» 2013 und seinen «Schönsten Sterbeszenen in der Geschichte der Oper» 2015 im Zürcher Schiffbau. Beim Hauser baute er Kinder in Greise um und hängte sie an die Schnüre von Puppenspielern. Bei den Sterbeszenen wird jeder über zwanzig per Latexteilen und Perücken ins Altersheim geschickt, und Altersheime sind ja am Ende ganz eigentlich nichts anderes als Sterbehospize.
Ums Sterben geht’s. Ums normale Sterben, das sich spiegeln will im überhöhten, erhabenen Sterben auf der Bühne. Und nicht auf irgendeiner Bühne, sondern in der wohl überaltertsten Kulturform der Welt, der Oper. Es geht also logischerweise auch ums Sterben der Oper. Ums Sterben eines Publikumssegments, das sich für eine Publikumselite hält. Alvis Hermanis winkt diesem zu in einem sentimentalen Abschied. Vor der Premiere sagte er in der «Neuen Zürcher Zeitung», dass dies ein Abend sei für Leute, die gern Proust und Thomas Mann lesen und sich auskennen mit der klassischen Kultur. «Kunst ist hermetisch», sagte er.
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Theater heute Mai 2015
Rubrik: Chronik, Seite 60
von Simone Meier
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