Hamburger Stimmungen

Frank Castorf gräbt im Schauspielhaus Hans Henny Jahnns «Pastor Ephraim Magnus» aus, Luk Perceval hebt Günter Grass’ «Blechtrommel» gefühlvoll auf die Thalia-Bühne

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Hier regiert ordentlichste Bürgerschrecklichkeit: Die Manuskript-«Reinschrift auf Bütten» ist Frank Castorfs Text- und Verhandlungsgrundlage seiner fünfstündigen Hamburger Hans-Henny-Jahnn-Bewältigung, die die 186 Manuskript-Seiten etwas gestrafft und nur mit minimalen Einschüben zu Gehör bringt. Wobei «Reinschrift auf Bütten» Jahnns Grundspannung schön auf den Punkt bringt: Das Drama strotzt vor blutigen Exzessen, Folter und Mord, aber eine gutbürgerlich saubere Abschrift am Ende muss sein – auf erlesenem Papier.

Als Schüler sei er lange Zeit mit einer Bibel in der Tasche unterwegs gewesen, schreibt Jahnn später, aber schon vor dem Abitur begann der gottesfürchtige junge Mann, schwer mit sich
zu ringen. Zum pubertären Weltschmerz im sittenstrengen wilhelminischen Elternhaus kam erste schwule Liebe, und spätestens der Ausbruch des Ersten Weltkriegs und die Flucht vor der Einberufung nach Norwegen brachten die christlich-bürgerlichen Imperative erheblich ins Wanken. Dort entstand «Pastor Ephraim Magnus», eine fiebrig kreisende Sinn- und Gottessuche, in der sich der verstörte Moralist wieder etwas festeren Existenzgrund erschreiben wollte.

Jahnns in mehreren Texten aus dieser Zeit ...

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Theater heute Mai 2015
Rubrik: Aufführungen, Seite 12
von Franz Wille

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