Todestänze
Iwan Wyrypajew will, dass seine Stücke nicht mehr gespielt werden. «Juli», «Sauerstoff», «Genesis Nr. 2»: «Schluss damit! Das war Experimentierphase», sagt er und verwirrt mich, der junge Russe: «Das neue Stück muss ich noch abkühlen lassen – die Emotionalität wegstreichen.» Aber haben nicht seine Theatertexte gerade wegen « … der Gier, der Erotik des Opfers, der Darwinzeit … und Sätzen, in denen häufig eine Beunruhigung zurückbleibt» aufgewühlt – so Uwe Bautz über «Juli». Ein Tanz ist es geworden, das neue Stück, ein Totentanz für die, die leben wollen.
«Delhi» heißt er. Und: Das Publikum wird direkt an einer modernen Todesrampe platziert, mit Blick in den Warteraum eines Krankenhauses, einer Klinik, in der unbarmherzig gestorben wird. So als szenisch-dramaturgische Grundformel – gleich mit dem ersten Satz: «Deine Mutter ist tot!» – gnadenlos freundlich überbracht von einer Krankenschwester, die nur ein paar Unterschriften braucht für diesen, ja, ganz formalen Akt.
Todestänze «Delhi» ist weder ein Stück, noch ein Tanz. Und um die Verwirrung komplett zu machen: Es sind gleich sieben Stücke. Sieben Einakter, schön nummeriert und jeder mit einem eigenen Titel: «Jede Bewegung» heißt ...
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Theater heute Jahrbuch 2011
Rubrik: Die neuen Stücke, Seite 174
von Stefan Schmidtke
Videobilder in nebligen Grautönen, unscharf und verschwommen – beleuchtet von kaltem Neonlicht, aufgezeichnet von Überwachungskameras in Berliner U-Bahnhöfen. Es sind verstörende Bilder, die in den letzten Wochen wieder und wieder zu sehen waren. Bilder von Schlägen und Tritten gegen Kopf und Körper, von brutalen Übergriffen Jugendlicher auf harmlose Passanten....
Die große Wut hatte ich vor etwa 20 Jahren. Das Theater war leidenschaftslos, verbeamtet, routiniert, beschäftigte sich vor allem mit sich selbst. Ich hatte die Nase voll, schmiss alles hin, flüchtete nach Paris, ließ alles liegen.
Wut macht rücksichtslos, aber Wut gehört zur Freiheit. Menschen, die Wut nicht kennen oder Wut nicht wagen oder sie fürchten, langweilen...
Vielleicht nur eine Laune der Geschichte, vielleicht aber auch eine besondere Bedeutung: Die Regie-Intendanten sind zurück. Mit Staffan Valdemar Holm in Düsseldorf, Martin Kusej und Johan Simons in München bestimmen wieder drei erfahrene Bühnenstrategen über einige der größten Häuser der Bühnenrepublik. Ein Gespräch über die Situation am Stadttheater, neue...
