Tod dem Theater!

Ein angenehm heterogener Jahrgang präsentiert sich beim Körber Studio Junge Regie

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Resilienz. Wichtiges Thema, gerade bei einem Festival wie dem Körber Studio Junge Regie in Hamburg. Hier präsentieren sich Nachwuchsregisseur:innen, junge Menschen, die gerade erst ihre Ausbildung hinter sich haben, kurz vor dem Start ins Berufsleben stehen und plötzlich in ein potenziell toxi -sches Konkurrenzverhältnis zueinander geraten. Am Ende des fünftägigen Festivals nämlich wird ein:e Gewinner:in gekürt, der Preis ist ein nicht zu verachtender Produktionskostenzuschuss für eine professionelle Regiearbeit in Höhe von 10.

000 Euro, außerdem ist ein Sieg ein Karrierebooster – unter den Gewinner:innen seit dem ersten Körber Studio 2003 sind heutige Hochkaräter:innen wie David Bösch, Julia Hölscher und Gernot Grünewald. Damit muss man umgehen können, dafür braucht man Resilienz.

Weswegen Rania Mleihi diese in ihrer Eröffnungsrede (und in einem einleitenden Workshop für die Teilnehmer:innen) auch in den Mittelpunkt stellt: «Resilienz bedeutet im Theater, dass man Fragen stellt», betont die Dramaturgin der Münchner Kammerspiele. «Wer spricht auf der Bühne? Wer schaut zu? Wer fehlt? Und wie schaffen wir Räume für die, die fehlen?» Es geht nicht um Ausschlüsse, es geht nicht darum, andere auszustechen, und gleichzeitig hat man natürlich den Anspruch, möglichst gutes Theater zu machen. Ein Ausweg: Solidaritäten suchen, Banden bilden. Was auch schon wieder Druck aufbaut, daher der immer wiederkehrende Mutmacher in Mleihis Rede: «No Pressure!»

Als maximal druckfrei erweist sich Paula Schlagbauers Abschlussinszenierung von der Münchner Otto Falckenberg Schule: «Bavarokratie», eine bayerisch-griechische Annäherung an Otto von Wittelsbach, der 1832 als griechischer Regent eingesetzt wurde. Bei der man zwischen Schuhplattlern, Schnapsverkostung und biografischen Details ziemlich schnell aus dem Blick verliert, wo die Inszenierung eigentlich hin möchte – Druck, unbedingt den Preis zu gewinnen, macht sich Schlagbauer jedenfalls nicht. Interessant aber, dass mit Tamira Kalbachs (Institut für Angewandte Theaterwissenschaft Gießen) Wiesn-Dekonstruktion «Mia San Mia» noch ein weiterer Bajuvarismus behandelt wird – für eine Tendenz im insgesamt sehr heterogenen Jahrgang reicht das aber noch nicht.

Das Altern der Postdramatik
Gießen war oft gemeinsam mit dem Institut für Medien, Theater und Populäre Kultur der Universität Hildesheim zuständig für Live-Art-Formate im Rahmen des Körber Studios. Das ist dieses Jahr anders: Fides Rosa Wallis bringt aus Hildesheim eine Gruppe junger Menschen mit, die sie für ihre Produktion «Im Grünen» in den Wald schickt. Wo Sekt geschlürft, apart ins Nichts gestarrt und musiziert wird, während die Natur eine unausgesprochene Bedrohung darstellt.

Eine aufwändige Inszenierung, die von Christoph Marthaler und Philippe Quesne gelernt hat, ihre inhaltliche Basis (Gorkis «Sommergäste») auf eine nicht unsympathische Weise vollkommen ignoriert und angesichts des die Hildesheimer Ausbildung prägenden Postdramatik-Pop überraschend eigenwillig daherkommt. Das Diktum, Banden zu bilden, nimmt Wallis darüber hinaus ernst. Und taucht nur einen Tag später als Performerin bei «Persephone. Das Wandern» von Nick Tlusty (Bayerische Theaterakademie August Everding, München) auf, einer formstrengen Sprachdekonstruktion in dunkler Techno-Härte, die zwar einerseits von ästhetischer Sicherheit zeugt, andererseits aber auch die Frage aufwirft, wo eigentlich der Humor bei den heutigen Endzwanzigern geblieben ist. Die Antwort gibt Tristan Linder mit «Sandmann» (Theaterakademie Hamburg), der E.T.A. Hoffmann mit ChatGPT kurzschließt. Linders Beitrag ist nahezu schmerzhaft konventionell, aber man muss eben auch sagen: Er macht Spaß, er entwickelt ironische Distanz zu sich selbst, er hat Drive und einen schönen Rhythmus.

«Sandmann» ist eine der überraschend vielen Arbeiten des aktuellen Jahrgangs, die sich auf eine literarische Vorlage beziehen. Eine andere: «Who’s there besides foul Weather», eine «King Lear»-Variation als Clownstheater von Henry Schlage (Mozarteum Salzburg), die sich dadurch auszeichnet, dass irgendwann eine Figur mit der Bezeichnung «Henry Schlage, Regie» (gespielt von einem Regiestudenten) auftritt, betont, dass hier alles falsch gemacht werde und gleich darauf (von Schlage selbst) erschossen wird. Was ein ziemlich eindeutiges Statement zum Verständnis der eigenen Profession ist, in seiner Radikalität dann aber auch wieder erschreckt, zumal man übertriebene Radikalität der restlichen Inszenierung eigentlich nicht vorwerfen kann.

Wobei man die Sprengkraft solcher Statements ohnehin nicht überbewerten sollte: Auf Jan Schnases Bühne für Alex Peils «Die Möwe» (Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, Berlin) prangt das Graffito «Tod dem Theater!», aber am Ende richtet sich die Inszenierung bequem in ironischer Stadttheater-Coolness ein.

Gemeinschaft und Netzwerk
Auch Aleksandr Kapeliush von der Ludwigsburger Akademie für Darstellende Kunst greift zurück auf den Kanon, indem er für «das Wetter zuhause. ein Wohnzimmerballett» (sic) die eigene Biografie als schwuler Künstlersohn im Russland der Zehnerjahre mit Tschaikowskis «Schwanensee» kurzschließt, um am Ende in eine berührend schutzlose Liebeserklärung zu münden.

Autobiografische Projekte, in der Regel eine sichere Bank beim Körber Studio, findet man 2025 darüber hinaus wenige – außer Kapeliush arbeitet nur Jonas Weber in diesem Bereich, mit «Being Jonas Weber» (Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt) allerdings zur Satire erweitert. Der Regisseur hat mehrere Namensvettern versammelt, die in einer sektenartigen Jonas-Weber-Gemeinschaft aus ihrem Alltag erzählen. Was eine sympathische Idee ist, auch wenn man den Durchschnittstypen auf der Bühne am Ende doch nicht wirklich nahekommt. Manuel Horak findet währenddessen mit «The Artist» (Max Reinhard Seminar Wien) eine interessante Form für den für den gleichnamigen Comic von Anna Haifisch: indem er die ästhe -tischen und narrativen Eigenarten des grafischen Erzählens auf die Bühne überträgt und dabei eine gleichzeitig grellbunte und introspektiv-stille Studie über Selbstzweifel, Depression und Alienation schafft. Interessant, gerade in einem Umfeld, das so sehr die Gemeinschaft und das Netzwerk feiert wie dieses Festival.

Cams «Sie sehen hier ein Haus» (Zürcher Hochschule der Künste) greift derweil zwar zurück auf Svenja Viola Bungartens «Die Zukünftige», ist dann aber doch weniger das erwartete Literaturtheater als vor allem Choreografie zu lauter Popmusik, effektstark, aber ohne echtes Verhältnis zur Vorlage. Und die studierte Neurowissenschaftlerin Anaïs-Manon Mazic liest mit «Alice -AliceAlice oder Wie Alice in ihren Kopf fiel» (Folkwang Universität der Künste, Essen) Lewis Carolls «Alice im Wunderland» als medizinisches Experiment, wobei diese Versuchsanordnung wahrscheinlich der uninteressanteste Aspekt ihrer Inszenierung ist. Ohne den medizinischen Überbau wäre das Stück nämlich beeindruckendes (Alp-)Traumtheater, so ist es ein wahrscheinlich bewusst dysfunktionales Arrangement.

Den Preis des Festivals verleiht die Jury, bestehend aus der Regisseurin Pia Epping, dem Linzer Dramaturgen Andreas Erdmann, der Theaterwissenschaftlerin Joy Kristin Kalu, der designierten Zürcher Co-Intendantin Pınar Karabulut und dem «taz»-Journalisten Jan-Paul Koopmann, dann an Fides Rosa Wallis’ «Im Grünen» aus Hildesheim – nachvollziehbar, auch wenn der Autor dieses Artikels Manuel Horaks «The Artist» aus Wien gerne weiter vorn gesehen hätte.

Aber wirklich wichtig ist das nicht, ebensowenig wie die Tatsache, dass der undotierte Publikumspreis an Tristan Linders «Sandmann» aus Hamburg geht. Wichtig ist das Gemeinschaftsgefühl unter den Teilnehmer:innen, wichtig ist das entstehende Netzwerk, wichtig ist die Solidarität. Und wichtig ist auch, Unterschiede zu akzeptieren, das wird deutlich an diesem außergewöhnlich heterogenen Jahrgang, der auch Jú-lia Bagossis konzentrierte Imre-Kertész-Bearbeitung «Fatelessness» von der Internationalen Gasthochschule Freeszfe (Budapest) gelten lässt. Literaturtheater ist etwas, das im Körber-Kontext meist als Fremdkörper daherkommt, hier aber: freundliches Interesse. Nicht das schlechteste Fazit des diesjährigen Festivals. 


Theater heute Juli 2025
Rubrik: Magazin, Seite 66
von Falk Schreiber

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