Fortwandeln ins Unwahrscheinliche
Mit 24 war ich Theaterkritiker und mal sechs Monate lang in einem vierteiligen System gefangen. Ich hatte es mir selbst ausgedacht, auf der Basis einiger Gesangsfragmente aus dem Hölderlin-Sammelband meiner Mutter. Keller – Ebene – Gipfel – Sturz. Und dann wieder Keller. Es war also ein geschlossenes System, kreis- oder bestenfalls spiralförmig.
Ich war darin zu zwölft; zwölf kranke Könige beim Festmahl im Untergrund des Jungfrauenklosters, zwölf fliehende Forscher auf der Zugfahrt durch die Ebene von Troia, zwölf philosophierende Propheten mit Aussicht vom Dach der Welt, zwölf stürzende Schauspieler beim Osterspaziergang an der Autobahn, am Führergeburtstag.
Nicht ist es aber Die Zeit. Noch sind sie Unangebunden. Göttliches trifft Unteilnehmende nicht.
So begann beim Hölderlin-Herausgeber Friedrich Beißner der hymnische Entwurf «Die Titanen», der mir die vier Stationen meines unentrinnbaren Spirallaufs eingebrockt hatte. Nun hatte ein Rausch mich eingefangen, ein endloser Traum war mein Gefängnis, die Klarsicht blendete unerträglich. Ich arbeitete und reiste viel in dieser Zeit, suchte nach Mitwissenden oder zumindest Mitschwingenden.
In Petersburg, Amsterdam oder Stockholm, am ...
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Theater heute Juli 2025
Rubrik: Akteure, Seite 26
von Matthias Pees
Eine lange Tafel mit zahlreichen Stühlen unterschiedlichster Form und Größe erstreckt sich über die Breite der Bühne. Samtbezogen mit hoher Lehne wie ein Thron der eine, aus derbem Holz der andere, ein dritter ragt kaum über die Tischkante (Bühne Nina Linkowski). Durch den dunklen Vorhang dahinter lugt das gespenstisch blasse Gesicht einer Frau mittleren Alters....
Widder – sind widerständig. Setzen ihren Kopf durch, um jeden Preis. Wie anders hätte die Forscherin Jane Goddall 23 Jahre lang warten können, um für wenige Monate als unterste Schimpansin in einer Affenhorde mitzulaufen? Oder Proto-Nazi Bernhard Förster seine «arische Kolonie» Nueva Germania in Paraguay als Dystopie mit Durchfall und Drama jahrelang durchgezogen...
Als Elfriede Jelineks drittes Theaterstück «Burgtheater» im November 1985 auf der Werkstattbühne des Schauspiels Bonn uraufgeführt wurde (Regie Horst Zankl), fasste Brigitte Landes ihre Eindrücke in «Theater heute» folgendermaßen zusammen: «Alles schreit nach dem Burgtheater, und das ist nun einmal nicht in Bonn.» Trotzdem fand das Stück in Österreich damals mehr...
