Theater Augsburg

Feld-, Wald- und Wiesen-Esoterik: Molières «Tartuffe»

Theater heute - Logo

Was für eine Männerfreundschaft! Da stehen sie dicht voreinander, Orgon und Tartuffe, blicken sich tief in die Augen und schütteln sich vor La­chen, genauer: vor Lachyoga. «Wer seiner Lehre folgt, empfindet tiefsten Frieden», frohlockt der Hausherr. Er ist dem Guru Tartuffe samt dessen Glücksverheißungen aus fernöstlichen Entspannungs–techniken und Voodoo-Klimbim kom­plett auf den Leim gegangen und verachtet nun Frau und Kinder für deren Konsum- und Lebens­freude.

Ein Tartuffe, der seinen Gastgeber nicht mit der christlichen Büßer-Masche beeindruckt, sondern ihn zum fanatischen Anhänger einer selbstgestrickten Feld-, Wald- und Wiesen-Esoterik formt – das ist so naheliegend zeitgemäß, dass es fast gar nicht als Setzung der Regie auffällt. Vielleicht zieht Sigrid Herzogs exakt durchkomponierter «Tartuffe» deshalb so schnell und intensiv in Bann: Jeder noch so überspitzte Einfall kommt mit einer verblüffenden Selbstverständlichkeit daher.

Die Dialoge etwa klingen, als wären rein zufällig einige Passagen in Versform geraten. Das ist zum einen dem uneitlen Spiel der Darsteller zu verdanken, zum anderen der Übersetzung von Rainer Kohlmayer, die zwischen betulich und unverblümt changiert ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute März 2012
Rubrik: Chronik, Seite 45
von Cornelia Fiedler

Weitere Beiträge
Das reicht doch nicht!

Engel steigen zu uns herab. Zu einem Drum-Loop, über den sich bald schon die melancholischen Synthesizerklänge von «Streets of Philadelphia» schmie­gen, schweben die Akrobaten vom Bühnenhimmel. Einer von ihnen, der mit der regenbogenbunten Glitzerhose und beeindruckend ausdefinierten Rückenmuskulatur, ist Fabian Hinrichs. Kaum hat er sich seines Fluggeschirrs...

Bochum

Oh, wie schön war es in Chioggia, als es Nuran David Calis noch nicht zu einem Schnellrestaurant gemacht hatte. Was im 16. Jahrhundert noch ein redlicher Fisch war, ist heute allenfalls ein Hamburger, so traurig ist die Gegenwart. Toilette und Küche der Kneipe, wo mal choreografiert geprügelt, mal heimlich geraucht wird, werden per Live-Kamera ebenfalls nach vorne...

Die Not am Ein- und Ausgang

Nach Europa, heißt es für die einen, in dessen besseren, reichen Teil für die anderen. Flucht, Migration, Asyl und legale Einwanderung sind Begriffe, mit denen Politik gemacht wird. Insbesondere seit die EU-Regel gilt, dass der Staat, der zuerst betreten wird, sich um den Notzugang von außen zu kümmern hat. Griechenland, Italien und Spanien sind damit nicht nur...