Tableau vivant der Spätmoderne

Thomas Köck «paradies fluten (verirrte sinfonie)»

Theater heute - Logo

Zwei «postparzen» eröffnen Thomas Köcks «paradies fluten (verirrte sinfonie)», «die von der vorhersehung übersehene» und «die von der prophezeiung vergessene», alte, elegant befrackte Damen, wahrscheinlich die letzten ihrer Art auf dieser Erde.

Die Schicksalsgöttinnen am Ende der Zeit lassen den Zuschauer teilhaben an ihrer Vision der universellen Auslöschung: Entspannt erklären sie die in den nächsten sechs Milliarden Jahren zu erwartende solare Katastrophe – nach Ausdehnung und Implosion der Sonne hat sich das Leben auf der Erde sowieso erledigt, kein Grund, verbissen festzuhalten am eigenen Sein und dessen Geschichte. Bis dahin aber gibt es einiges zu erzählen, und diesen Mahlstrom entfesseln Thomas Köcks apokalyptische Conférencières mit Freuden: Nach der Ouvertüre brechen Materialfluten über die Bühne herein, eine Sprachpartitur wird entfaltet, die sich klug und zutiefst sprachskeptisch in die Auseinandersetzung mit der heutigen Welt begibt. 

«falsche erinnerungen» fluten jetzt die Bühne, «vergangenheiten, die so nie stattgefunden haben», Zitate quer durch die Jahrtausende – ob aus biblischem Kontext oder von Ovid, aus ökonomie- und sozialtheoretischen Werken von Adam Smith ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Jahrbuch 2015
Rubrik: Neue Stücke der neuen Spielzeit, Seite 184
von Maria Schneider

Weitere Beiträge
Ökonomie des Zufalls

Der Titel des neuen Stücks von Jonas Hassen Khemiri ist ein kleines mathematisches Zeichen: ≈ [ungefähr gleich]. Damit wird das mittlere der drei großen, nach wie vor uneingelösten republikanischen Versprechen «Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit» in den Blick genommen. Es sind große Fragestellungen, die, wie der Autor selber sagt, «das Schreiben beeinflusst...

Wessen Leben zählt?

Ein Schlüsselstein der neuen Basler Dramaturgie ist Darja Stockers neues Stück. Mit «Nirgends in Friede. Antigone» befragt die Schweizer Dramatikerin einerseits das Narrativ des antiken Mythos neu, andererseits dient ihr die sophokleische Tragödie auch als metaphorische Folie, um die Herrschaftslogik der gegenwärtigen Welt- bzw. Europapolitik in Frage zu stellen....

Bildet Banden!

Die Debatte über das Ensembletheater in Deutschland wird zur Zeit wieder aggressiv und nervös geführt. Zugegebenermaßen fällt es schwer, der German-Angst-Fraktion auf Premierenfeiern zu entkommen und dennoch nicht der neoliberal orientierten Antisubventionslogik zu folgen. Gibt es einen Weg aus dem Dilemma?

Ensembles sind zunächst Zusammenschlüsse von Menschen zum...