Sublimieren mit Schmackes

Tennessee Williams «Endstation Sehnsucht»

Theater heute - Logo

Die Straßenbahn namens Verlangen gibt es nicht mehr, so wenig wie die Haltestelle Elysische Gefilde, ja das ganze New Orleans gibt es nicht mehr, aber das nun hat Tennessee Williams wirklich nicht vorhersehen können. Tempi passati: Geradezu anrührend die sexuellen Sublimierungen, erschreckend die boshafte Selbstzensur in diesem sonst so detailverliebten Text.

Man könnte sich wohlfeil lustig machen über die angestrengten moralischen Versteckspielchen des Tennessee-Williams-Personals, über das puritanische, gewissermaßen präfreudianische Nicht-beim-Namen-Nennen der kruden Tatsachen in diesem Stück – doch aus der fundamentalen Kluft zwischen Mythos und Wahrheit bezieht es auch nach sechzig Jahren noch eine eigentümliche Faszination. In der Spannung zwischen entfesseltem Trieb und dem brennenden Heimweh nach der Stabilität alter Verhältnisse, nach «Belle Rêve», dem schönen Traum von Geborgenheit, ist das Konfliktpotential des Stücks angesiedelt. Es könnte immer noch zur Explosion kommen, wenn man sich die Zeit nähme, eine lange Zündschnur zu legen.

Die Essener Inszenierung von Schirin Khodadadian begnügt sich damit, den Text zu straffen und zu illustrieren. Von Anfang an wird eine ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Oktober 2007
Rubrik: Chronik, Seite 56
von Martin Krumbholz

Vergriffen
Weitere Beiträge
Im Dschungel von Falsch und Richtig

Theater heute Das Theater und das Berufsbild des Schauspielers haben sich in den letzten Jahren verändert. Über diese Veränderungen und ihre Auswirkungen auf die Ausbildung wollen wir sprechen. Sie, Marion Tiedtke, fangen jetzt als Leiterin der Schauspielschule in Frankfurt an, Mi­chael Börgerding leitet seit 2005 die Theaterakade­mie in Hamburg, Bernhard...

Die Kunst des Zeitsprungs

Andres Müry Die Merteuil in Heiner Müllers «Quar­tett» in Salzburg ist Ihre erste deutsche Theaterrolle seit 1983. Wie fühlt sich das nach einer Pause von 24 Jahren an?

Barbara Sukowa Gut. Ein bisschen Angst hatte ich ja schon. Man weiß, dass inzwischen viel passiert ist, und denkt, oh Gott, vielleicht komme ich aus einer anderen Welt. Vielleicht hab ich den...

Das Lied der Heimat

So sieht also der Himmel aus, jedenfalls der von Psychiater Königsforst, 57, aus Wolfen: Kurz nachdem der doppelte Selbstmordversuch mit Gattin Helga kläglich gescheitert ist, ergreift den Mann ein völlig neues Körpergefühl. Peter Kurth wischt sich den erbrochenen Pillenbrei von der Brille, pumpt die Lungen voll Morgenluft, reißt den mittelbraunen Anzug vom Leib,...