Sublimieren mit Schmackes

Tennessee Williams «Endstation Sehnsucht»

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Die Straßenbahn namens Verlangen gibt es nicht mehr, so wenig wie die Haltestelle Elysische Gefilde, ja das ganze New Orleans gibt es nicht mehr, aber das nun hat Tennessee Williams wirklich nicht vorhersehen können. Tempi passati: Geradezu anrührend die sexuellen Sublimierungen, erschreckend die boshafte Selbstzensur in diesem sonst so detailverliebten Text.

Man könnte sich wohlfeil lustig machen über die angestrengten moralischen Versteckspielchen des Tennessee-Williams-Personals, über das puritanische, gewissermaßen präfreudianische Nicht-beim-Namen-Nennen der kruden Tatsachen in diesem Stück – doch aus der fundamentalen Kluft zwischen Mythos und Wahrheit bezieht es auch nach sechzig Jahren noch eine eigentümliche Faszination. In der Spannung zwischen entfesseltem Trieb und dem brennenden Heimweh nach der Stabilität alter Verhältnisse, nach «Belle Rêve», dem schönen Traum von Geborgenheit, ist das Konfliktpotential des Stücks angesiedelt. Es könnte immer noch zur Explosion kommen, wenn man sich die Zeit nähme, eine lange Zündschnur zu legen.

Die Essener Inszenierung von Schirin Khodadadian begnügt sich damit, den Text zu straffen und zu illustrieren. Von Anfang an wird eine ...

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Theater heute Oktober 2007
Rubrik: Chronik, Seite 56
von Martin Krumbholz

Vergriffen
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