Mut zur Phrase

Albert Ostermaier «Schwarze Minuten»

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Sozialstudie, Milieu, Psychogramm. Dazu bestes Schauer- und Schockermaterial und am Schluss eine zünftige Läuterung mit Moralbotschaft. Was hätte das für ein «Tatort» werden können! Im Zeichen des Fadenkreuzes wäre, so lässt sich mutmaßen, die Sache gut ausgegangen. Warum aber musste Albert Ostermaier ein Theaterstück aus dem Stoff machen? «Schwarze Minuten» heißt das Auftragswerk, das der Münchner Dramatiker dem Mannheimer Nationaltheater für seine diesjährigen Schillertage kredenzt hat.

Frei nach einem Prosatext, der wahlweise als «Verbrecher aus Infamie» oder «Verbrecher aus verlorener Ehre» firmiert, hat Ostermaier Schillers Dokugeschichte über einen bürgerlichen Gastwirtssohn, der vom Kleinkriminellen zum Mörder und Räuber wird, zum Drama gemacht.

Bei Schiller heißt der Unglückliche Christian Wolf, in der historischen Realität wurde ein Friedrich Schwan gehängt. Daraus mixt Ostermaier den Antihelden Loup Swan, der fortan in doppelter Ausführung – jung und alt – als früh Verlorener durch das Stück wankt. Hinter jeder Ecke lauert eine Anspielung, mal verfällt Ostermaier in die Reimform, mal gibt es Schiller im Original – nur ein origineller Ansatz, eine aufregende neue Lesart ...

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Theater heute Oktober 2007
Rubrik: Chronik, Seite 54
von Kristin Becker

Vergriffen
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