Stuttgart Staatsschauspiel: Nackig vor der Maklerin
Eins ist vorhersehbar in Thomas Melles neuem Stück «Die Lage»: dass sie irgendwann völlig nackt dastehen, all die verzweifelten Menschen, die sich um überteuerte Wohnungen in totsaniertem Altbau oder Neubauten mit Parkblick bewerben. Persönliche Gefühle und alle Daten haben sie da im Bewerbungscasting schon preisgegeben, Schnarchtest und Orgasmussimulation hinter sich gebracht. Man soll dem Immo-Honk beweisen, dass man lautstärkemäßig ins Haus passt. Schlimm genug, das Blankziehen wäre gar nicht mehr nötig gewesen.
Melles Stück handelt vom Wohnen als neuer sozialer Frage (abgedruckt in TH 06/20). Explosiver Stoff. In Tina Laniks Uraufführungsinszenierung zum Saisonstart des Stuttgarter Staatsschauspiels hält sich aber das Mitleid für Melles Protagonist*innen – Männer: am Rande des Nervenzusammenbruchs, Frauen: zielgerichtet burschi- kos – in Grenzen. Denn es handelt sich um eine Klientel, die irgendwann schon eine Bleibe finden wird, die gut bezahlte Jobs, keine Kinder und im Bestfall sogar noch kräftig geerbt hat. Es sind Leute, die sich die Platzverschwendungen stylisch verschnittener Wohnungen leisten können (Dreiraumwohnungen mit zwei Badezimmern!).
Melle macht sichtbar, ...
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Theater heute November 2020
Rubrik: Chronik, Seite 51
von Verena Großkreutz
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