Stuttgart Staatsschauspiel: Nackig vor der Maklerin

Thomas Melle «Die Lage», Friedrich Dürrenmatt «Der Besuch der alten Dame»

Eins ist vorhersehbar in Thomas Melles neuem Stück «Die Lage»: dass sie irgendwann völlig nackt dastehen, all die verzweifelten Menschen, die sich um überteuerte Wohnungen in totsaniertem Altbau oder Neubauten mit Parkblick bewerben. Persönliche Gefühle und alle Daten haben sie da im Bewerbungscasting schon preisgegeben, Schnarchtest und Orgasmussimula­tion hinter sich gebracht. Man soll dem Immo-Honk beweisen, dass man lautstärkemäßig ins Haus passt. Schlimm genug, das Blankziehen wäre gar nicht mehr nötig gewesen.



Melles Stück handelt vom Wohnen als neuer sozialer Frage (abgedruckt in TH 06/20). Explosiver Stoff. In Tina Laniks Uraufführungsinszenierung zum Saisonstart des Stuttgarter Staatsschauspiels hält sich aber das Mitleid für Melles Protagonist*innen – Männer: am Rande des Nervenzusammenbruchs, Frauen: zielgerichtet burschi- kos – in Grenzen. Denn es handelt sich um eine Klientel, die irgendwann schon eine Bleibe finden wird, die gut bezahlte Jobs, keine Kinder und im Bestfall sogar noch kräftig geerbt hat. Es sind Leute, die sich die Platzverschwendungen stylisch verschnittener Wohnungen leisten können (Dreiraumwohnungen mit zwei Badezimmern!).

Melle macht sichtbar, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute November 2020
Rubrik: Chronik, Seite 51
von Verena Großkreutz

Weitere Beiträge
Die Spur des Falken

Film war für ihn das verlockendere schauspielerische Me­dium, aber zwanzig Jahre Theaterarbeit dienten ihm als unschätzbare Lehre für seinen künstlerischen Anspruch, «Menschen in außergewöhnlichen, extremen emotionalen Situationen» zu verkörpern. Michael Gwisdek, der im September dieses Jahres verstorbene, mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Schauspieler, wurde...

Freie Szene: Neuer Brutplatz

Wenn der Hausbesitzer renoviert, ist das für die Mieter nicht unbedingt eine gute Nachricht. Es könnte teuer werden. Genau das ist dem Wiener Koproduktionshaus Brut passiert, das sich seinen Stammsitz, das Theater im Künstlerhaus, nicht mehr leisten kann. Schuld daran ist ironischerweise ein Kunstmäzen: der Unternehmer Hans Peter Haselsteiner, mit seinem auf 1,8...

Widerstand der Einzel-Ichs

Ein Schwarzer Block rettet der Demokratie den Arsch», heißt es im vierten Akt. Wie jetzt, die vermummten Mollischmeißer und notorischen Störer friedlicher linker Demos haben nicht einfach nur Bock auf Gewalt, sondern eine echte politische Mission? Bevor Kevin Rittbergers große Antifaschismus-Recherche «Schwarzer Block» im letzten Teil unter der Überschrift «Sieg»...