Hamburg Thalia Theater: Was das wieder kostet!
Wir müssen uns Harpagon als unglücklichen Menschen vorstellen. Zumindest so, wie Jens Harzer ihn spielt: missgünstig, ängstlich, ungepflegt. Der Titelheld aus Molières «Der Geizige» ist ein schmerbäuchiger alter Mann im fleckigen Unterhemd (Kostüme: Janina Brinkmann), kurzsichtig, lungenkrank, jeder Satz ein Huster, jeder Huster ein Auswurf. Würde das Theater auf Geruch setzen, Leander Haußmanns Inszenierung am Hamburger Thalia röche nach längere Zeit nicht gewaschenem Männerkörper.
Bemerkenswert, wie begeistert sich Harzer auf diese Dekonstruktion seiner Schauspieler-Persönlichkeit einlässt: Nichts hat dieser heruntergekommene Harpagon vom Manierismus, der sich sonst häufig in sein Spiel einschleicht, selbst das typische tonlose, leiernde Sprechen versagt er sich hier. Stattdessen: ein Nuscheln, ein Bellen, ein Auskotzen des Molière-Textes.
Haußmanns «Der Geizige» ist also erstens ein Schauspielgenuss, der konsequent um Harzer herumgebaut ist und dem Marina Galic (als Kupplerin Frosine mit offensiv verzweifelter Erotik), Sebastian Zimmler (als in verschlagener Souveränität steckengebliebener Diener La Fleche) sowie Tim Porath (als bürokratenhaft-beflissener Maître Simon) ...
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Theater heute November 2020
Rubrik: Chronik, Seite 49
von Falk Schreiber
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