Stuttgart: Misslingen als Konzept

Paul und Franz von Schönthan «Der Raub der Sabinerinnen»

Theater heute - Logo

Selbstkritik ist noch immer ein rares Gut, obwohl sie so große Sympathien erzeugt. Sebastian Hartmann hat das erkannt und tut, was die Seehofers, Beckenbauers, Winterkorns und Petrys dieser Welt so krampfhaft vermeiden, bis sie niemand mehr mag: Er stellt öffentlich fest, dass er daneben lag. Im Programmheft zu seiner dritten Stuttgarter Inszenierung gibt er zerknirscht zu, dass seine beiden Vorgängerversuche am Ort leider kein Publikum fanden, weswegen er seine Her­angehensweise wohl mal kritisch reflektieren sollte.

Dafür wählt Hartmann eine Komödie, die trotz ihrer Geburtsstunde im Zeitalter Bismarcks über alle gesellschaftlichen System- und Kulturwechsel hinweg als Garant für hysterisches Lachen gilt: «Der Raub der Sabinerinnen» von Paul und Franz von Schönthan, eine herrliche Klamot­te über ein misslungenes Theaterstück und die Eitelkeiten des Provinzbürgertums, die immer wieder adaptiert und aufgeführt sowie zigmal ver­filmt wurde.

Mehr kann man auf ein Publikum aus Schwaben, das mit sauertöpfischer Miene Hartmanns Kunstbehandlung von «Staub» (nach Sean O’Casey) und «Im Stein» (nach Clemens Meyer) über sich ergehen ließ, wohl nicht zugehen. Aber lässt sich ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Januar 2017
Rubrik: Chronik, Seite 53
von Till Briegleb

Weitere Beiträge
Freies Theater: 25 Kilometer Billy-Regal

Die gute Nachricht zuerst: Es ist noch nicht zu spät. Verloren gegangen ist bisher erst wenig, und die Initiative zu einem «Archiv des Freien Theaters», die auf der Konzeptionskonferenz letzten Oktober im Münchner Literaturhaus präsentiert wurde, kommt damit zur richtigen Zeit, in der viele, die in den 1960er und 1970er Jahren begonnen haben, außerhalb der...

Aufführungen · Neue Stücke

Aufführungen

War vielleicht doch ein bisschen zu viel medialer Gegenwind, der Matthias Lilienthals als «Pipifax» geschmähter Performance-Schiene entgegenschlug. Ins neue Jahr jedenfalls starten die Münchner Kammerspiele so kanonisch wie nur irgend möglich: Mit Tschechows «Kirschgarten», möglicherweise leicht entkanonisiert durch Nicolas Stemann, und...

«Den Zahn muss ich Ihnen ziehen»

Lichtwechsel im Berliner Maxim Gorki Theater. Es folgt ein eher seltener ruhiger Moment in der lose montierten Monologfolge von Lola Arias’ «Atlas des Kommunismus». Ruth Rei­necke blickt auf ein angefleddertes Textbuch in ihren Händen, sie blickt zu den Kollegen auf der Bühne, ins Publikum, dann nimmt sie innerlich Anlauf. Und los: Sie wisse, dass das sinnlos...