Stein des Anstoßes
Schon lange fällt auf, dass in der aktuellen Stückeproduktion geschichtliche Zusammenhänge zumeist ausgeblendet werden und der Problemfall «Familie» in der Regel als kurzatmiges Close-up inklusive einer obligatorischen Prise Inzest verhandelt wird.
Marius von Mayenburg dagegen kümmert sich um eine die Generationen übergreifende und das Leben einer Familie bestimmende Lüge.
Ausgangspunkt ist der Großvater Wolfgang Heising, ein überzeugter Nazi, der das Haus einer enteigneten jüdischen Familie zum Spottpreis erwarb, was wiederum dazu führt, dass die Großmutter kolportiert, ihr Gatte habe der jüdischen Familie das Leben gerettet.
Die Legende funktioniert ganz gut über die Phasen der deutschen Geschichte hinweg und bis hin zum Mauerfall, wenn die Heising-Tochter Heidrun das in DDR-Zeiten enteignete Haus von den aktuellen Besitzern zurückfordert. Die Enttarnung droht erst, als Enkelin Hannah die angeblich vom Großvater gerettete jüdi-sche Familie in den USA besuchen will. Das Stück, könnte man einwenden, schwächelt immer dann, wenn nicht deutlich wird, aus welch unterschiedlichen Gründen einzelne Familienmitglieder die Familienlüge aufrecht erhalten wollen. Auf der anderen Seite hätte ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Vier Stück Mensch, in kleinen Kisten abgepackt; vier Fluchten, vier Mal Alptraum pur – das jüngste Stück des Dramatikers Thomas Freyer, Jahrgang 1981 und aus Gera, erzählt mit unerbittlich finstrer Fantasie Geschichten vom Eingesperrtsein im Ich wie im Wir; und letzter Ausweg scheint stets nur der Schritt ins Nichts zu sein: so viel Jugend und schon so viel Tod. So...
Gleich in der ersten Einstellung von Lola Randls Debütfilm «Die Besucherin» überfährt Agnes einen Mann, der ihr offenbar von seinem Balkon direkt vors Auto gesprungen ist. Die Sachlichkeit, mit dem sie dem durchaus mitfühlenden Polizisten Rede und Antwort steht, ist beängstigend.
Agnes ist fremd, eine Besucherin in ihrem eigenen Leben, eingesperrt in Routine wie...
Gleich zu Beginn kracht es gewaltig, wenn der graue Familien-Volvo senkrecht aus dem Schnürboden stürzt und sich hochkant in die Bühnenbretter bohrt. Zusammen mit einem horizontalen, abwechselnd blau, weiß, roten Leuchtstreifen bildet er im sonst leeren Bühnenraum von Jens Kilian fortan ein groteskes Fanal abrupt beendeter Lebensträume, einer...
