Stein des Anstoßes
Schon lange fällt auf, dass in der aktuellen Stückeproduktion geschichtliche Zusammenhänge zumeist ausgeblendet werden und der Problemfall «Familie» in der Regel als kurzatmiges Close-up inklusive einer obligatorischen Prise Inzest verhandelt wird.
Marius von Mayenburg dagegen kümmert sich um eine die Generationen übergreifende und das Leben einer Familie bestimmende Lüge.
Ausgangspunkt ist der Großvater Wolfgang Heising, ein überzeugter Nazi, der das Haus einer enteigneten jüdischen Familie zum Spottpreis erwarb, was wiederum dazu führt, dass die Großmutter kolportiert, ihr Gatte habe der jüdischen Familie das Leben gerettet.
Die Legende funktioniert ganz gut über die Phasen der deutschen Geschichte hinweg und bis hin zum Mauerfall, wenn die Heising-Tochter Heidrun das in DDR-Zeiten enteignete Haus von den aktuellen Besitzern zurückfordert. Die Enttarnung droht erst, als Enkelin Hannah die angeblich vom Großvater gerettete jüdi-sche Familie in den USA besuchen will. Das Stück, könnte man einwenden, schwächelt immer dann, wenn nicht deutlich wird, aus welch unterschiedlichen Gründen einzelne Familienmitglieder die Familienlüge aufrecht erhalten wollen. Auf der anderen Seite hätte ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Wenn Christoph Schlingensief in Wien auftrat, ob mit einer Aktion wie «Ausländer raus!» vor der Oper oder mit Projekten wie «Bambiland» oder «Area 7» im Burgtheater, erwachte die Stadt für kurze Zeit aus ihrem restaurativen Schlummer.
«Provokation!», rief es und «Was will der denn schon wieder!». Journalisten und Leserbriefschreiber suchten in den Projekten nach...
Franz Wille Philipp Löhle, zuletzt haben wir vor gut einem Jahr gesprochen. Seitdem haben Sie eine rasante Jungdramatiker-Karriere gemacht. Zwei große Stücke – «Lilly Link» und «Die Kaperer» – sind uraufgeführt worden, es gibt auch schon Nachspiele an wichtigen Bühnen wie dem Münchner Volkstheater; außerdem nennenswerte Preise, eine Nominierung zu den Mülheimer...
Ein gründerzeitliches Tableau vivant. Das ist Robert Walsers Erfinderfamilie Tobler in Luzern: apart verteilt im mehrstöckigen Entrée der Villa «Abendrot», einem prächtigen Treppenhaus von Werner Hutterli, reglos erstarrt. Was sich bewegt, ist in dieser ersten Szene einzig der Gehülfe: Wirsich, der gehen muss und seinen Koffer packt. Hose, Hemd – nur nicht die...
