Stehen und beben
«Ach», Alkmenes Brustseufzer der Enttäuschung, war selten so angebracht: Dieser schlunzige Unterhemdträger soll ihr wahrer Angetrauter Amphitryon (Christoph Hohmann) sein? Und schlimmer noch: Jener ist das göttliche Double, der bärtig zauselige Mietskasernen-Jupiter im – ach – Unterhemd (Peter Pagel)? Verständlich, dass diese Alkmene (Marianna Linden) den amourösen Verwechslungsspuk durchweg mit entsagungsvoll hochgezogenen Augenbrauen durchdämmert.
Kann gut sein, dass man Kleist im Jubiläumsjahr gerade im Brandenburgischen vor dem Nimbus des reinlichen Heimatdichters bewahren muss, zumal im friderizianischen Hofguckkasten des Neuen Palais von Sanssouci. Gegen dessen barocke Pracht kann man schon mal ein paar Spritzer aus der milieudramatischen Küchenspüle wagen. Nur spritzt in dieser Kleist-Ausnüchterung der jungen Regisseurin Julia Hölscher leider gar nichts.
Bedeutungsvoll beäugt Amphitryon zwei leere Weingläser als Trophäen einer Party, die nicht stattfindet. Die Kleistsche Wortartistik und der Hochseilakt des Tragikomischen werden flach geturnt in beharrlich gleichförmigem Leidensdruckpathos. Man steht und bebt und
steht. Amphitryon, wenn er hinreichend erschüttert ist, wirft ...
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Theater heute Mai 2011
Rubrik: Chronik, Seite 58
von Christian Rakow
Da liegt sie, auf den Brachflächen des alten Werftgeländes: die Halle 207. An ihren Stahltüren neben den kaputten Fenstern prangen noch die Plakate von voriger Saison: «Broadway in Rostock 19.06. – 03.09. 2010». Dieser Schlummerkoloss ist das jüngste Renommierobjekt des Volkstheaters (VT), eine Sommerspielstätte für einige der rund drei Millionen Touristen, die...
«Ich bin der Meister», zischelt er. Nun ja, kann jeder mal so kühn behaupten. Falls lange
Unterhosen, löchrige Filzlatschen, schlurfende Schritte und ein irres Flackern im Blick dort-
zulande einen meisterlichen Aufzug hermachen, wird es wohl stimmen.
Dortzulande ist eine Adresse zwischen Traum und Trauma, eine geräumige Absteige in der Sadowaja, totalitäres Moskau,...
Dass Theodor W. Adorno den Jazz geringgeschätzt hat, ist verbürgt. Jazzorchester erinnerten den Philosophen an Militärkapellen. Der Dramatiker Thomas Melle bastelt aus der kulturgeschichtlichen Petitesse eine Mini-Farce. Ein deutsches Paar in Israel: Während sie mit dem Kellner flirtet, widert ihn das bevorstehende Jazzkonzert schon beim Frühstück an. Obwohl er...
