Für welche Ewigkeit?

Die überschaubare Haltbarkeitsdauer neuer Dramatik ist ein gutes Zeichen. Vier Thesen anhand der diesjährigen Auswahl für die Mülheimer «Stücke». von Till Briegleb

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Die Haltbarkeit von Tiefkühlkost ist länger als die von jedem neuen deutschen Stück. Das Schlemmer-Schellfisch-Filet oder der Delicatesse-Spinat-Gorgonzola-Auflauf, die man morgens im Supermarkt kauft, lassen sich noch genießen, wenn die Uraufführung vom Abend längst zum Archiveintrag verkommen sein wird. Selbst geistige Lebensmittel, die mit Preisen konserviert wurden, schaffen es nur selten aus der Mülltonne des Verges­senen noch einmal auf die Bühne künstlerischer Transferempfänger.

Von den sieben Stücken etwa, die 2006 als beste ihres Jahrgangs zum Stücke-Festival nach Mülheim eingeladen wurden, steht fünf Jahre später keins mehr auf irgendeinem Speiseplan der deutschsprachigen Gourmet-Bühnen. Weder der Sieger des wichtigsten deutschen Dramatikerpreises, «Cappuccetto Rosso» von René Pollesch, noch die Kandidaten: Händl Klaus’ «Dunkel lockende Welt», Elfriede Jelineks «Babel», Moritz Rinkes «Café Umberto», Gert Jonkes «Die versunkene Kathedrale», Andres Veiels und Gesine Schmidts «Der Kick» oder Kathrin Rögglas «draußen tobt die dunkelziffer». Alles längst Biografie-Kompost der Autoren, auf dem sich neue Saisonleistungen züchten lassen – oder auch nicht mehr, wie im Fall von ...

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Theater heute Mai 2011
Rubrik: Best of … Mülheimer Stücke, Seite 28
von Till Briegleb

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