Sprungbrett ins Absurde
Orgon hat Geld und Stil, das sieht man gleich: Ein weißes Sofa steht in seinem meterhohen Wohnraum, daneben ein paar Design-echte Freischwinger und eine marmorne Deko-Kugel. Der Teppich ist saftig grün, die Tapeten sind floral gemustert, und von der Decke baumeln gleich drei Kristalllüster. Thomas Heick hat diese Habitat-Katalogwelt für den Lübecker «Tartuffe» entworfen, Regie führt Niklaus Helbling.
Mit einem Guttenberg-glatten Götz von Ooyen als Hausherrn bemüht Helbling sofort die Gegenwart. Wenn auch kaum Moral, so gibt es doch Geld genug bei diesem Orgon.
Das hat Tartuffe ebenfalls bemerkt und sich gemütlich in der Familie eingenistet. Orgon ist hingerissen von dessen moralischem Eifer, von seinem Anstand und seiner Bescheidenheit. Der Rest der Familie ist mehr als skeptisch. Doch all ihr Warnen hilft nichts, Orgon ist verblendet.
Mit grotesken Mitteln überzeichnet Helbling Molières Figuren. Er überspitzt ihre Charaktere, die Kostüme (Anja Hertkorn und Petra Winterer) sind entsprechend grell. Wie einen menschlichen Wasserfall drapiert Helbling einmal die betrogene Familie auf dem Sofa und zeigt da eine Miniaturgesellschaft, die mitten im Sturz noch krampfhaft versucht, Haltung ...
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Theater heute März 2012
Rubrik: Chronik, Seite 51
von Katrin Ullmann
Ja, die Zeit. Sie ist schon ein bisschen stur, wie sie so unverdrossen immer nur in eine Richtung voranschreitet und gar keine Wiederholung zulässt. So lautet der Tenor von Elfriede Jelineks Stück, das sich einmal mehr als widerständige Textmasse gibt, sich auf Schuberts «Winterreise» bezieht und ein Triptychon mit persönlichen Tönen ist: Zuerst geht es um die Zeit...
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