Frankfurt/Main
Am Anfang war die Vorhaut, und sie war schnell weggeschnitten. Rituale haben an diesem Abend Konjunktur. Es geht um Juden, Christen, Antisemitismus und Shakespeare. Barry Kosky und seine Dramaturgin Susanne Goldberg haben den «Kaufmann von Venedig» radikal zusammengestrichen. Sie verzichten auf einen Teil der Schauplätze, Handlungsstränge und Figuren und haben dem Stück auch die Komödie gründlich ausgetrieben. Stattdessen zeigt sich ihr «Kaufmann» als geschichtsbesessene Groteske, reduziert auf einen möglichen Grundkonflikt – den der Religionen.
Unversöhnlich stehen da geleckte venezianische Anzugträger, die sich des rechten Glaubens und lauterer Geschäftspraktiken rühmen, dem jüdischen Wucherer Shylock gegenüber, der mit seinen Bartstoppeln, dem strähnigen Haar und dem Dauernusskauen irgendwie ranzig wirkt.
Überhaupt dieser Jude – missmutig trägt er das Kreuz seiner Existenz. Einer, der so geworden ist, weil die Umstände sind, wie sie sind, und weil als Minderheit unter Venedigs christlich-intoleranter Mehrheit zu leben keinen Gutmenschen aus einem macht. Dieser übellaunige Kerl mit seiner spuckenden Aussprache ist kein Sympathieträger, aber mit Abstand die interessanteste Figur ...
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Theater heute März 2012
Rubrik: Chronik, Seite 48
von Paula van Bergen
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