Spieglein an der Wand
Sie gleiten wie schlafwandelnde Eisläufer über die Bühne und passieren Spiegel, in denen sie wie flüchtige Erscheinungen auftauchen. Gelegentlich wandeln sie auch wie Pärchen, dann allerdings verschwindet plötzlich einer von ihnen hinter einem der Spiegel und wird scheinbar verschluckt. Da hat man den Eindruck, Mannheims Schauspielchef Burkhard C. Kosminski habe Shakespeares Gender-Illyrium beim Schopf gepackt und das Vexierspiel prekärer erotischer Identitäten als Spiegelkabinett des Scheiterns inszeniert.
Hier findet vorerst kein Deckelchen sein Töpfchen und das Spieglein an der Wand sagt lange nur: Kein Begehren hier im ganzen Land.
Dumm gelaufen. In Shakespeares Illyrien ist zwar viel Begehrlichkeit unterwegs, bei keinem der potenziell Liebenden reicht es aber zum bedingungslosen Begehren. Und so finden am Ende dann auch genau diejenigen zueinander, die bis dahin gar nicht wussten, dass sie überhaupt füreinander in Frage kommen. Das hat was Schales, als habe eine überforderte Dating-Agentur aus Gründen der Ökonomie mal schnell eins und eins zusammengezählt. Die schiffbrüchige Viola etwa, die im fremden Land als verkleideter Cupido unterwegs ist, bekommt den Herzog, für den sie ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Fast ist es schon ein neues Genre, zumindest aber eine Erfolgsstory: das Stadtprojekt. Jedes deutsche Stadttheater, das etwas auf sich hält, machte sich in den letzten Jahren daran, die eigene Kommune und dabei besonders gern den Problem-Kiez unter die Lupe zu nehmen und auf schlummerndes dramatisches Potenzial hin abzuklopfen. Das bringt Bewegung ins...
Wenn man sich eines Tages fragen wird, wann genau um die Wende zum 21. Jahrhundert die systematische Suche nach einer Neubestimmung des Stadttheaters in Deutschland begonnen hat, wird man neben vielen anregenden Impulsen vor allem zwei sehr unterschiedliche Initiale nennen müssen: Das «Bunnyhill»-Projekt der Münchner Kammerspiele und die Auflage des Heimspiel-Fonds...
Über die Grenzen der Stadt hinaus wurde das Wiener Schauspielhaus in den letzten drei Spielzeiten vor allem dank der Stücke von Ewald Palmetshofer wahrgenommen, die hier uraufgeführt wurden. Die beim Wiener Publikum beliebtesten Produktionen von Andreas Becks Intendanz aber waren bisher die Theaterserien. 2008, in Becks erster Spielzeit, wurde Heimito von Doderers...
