Gänsehaut im Eiskeller
Am Ende spucken die Tauben Krümel auf den Boden, saugt der Springbrunnen Wasser ein, verlassen die Zuschauer rückwärts im Gänsemarsch das Theater, das ein Kino ist. Der niederländische Zuschauerverzauberer Dries Verhoeven schickt etwa zwanzig Zuschauer auf eine Reise in die zukünftige Vergangenheit.
Man trifft sich neben einer Tiefgarageneinfahrt, geht schweigend im Gänsemarsch über den Platz vor dem Schloss mit Einkaufszentrum, vorbei an Punks, die sich anfangs noch wundern über diese merkwürdige Prozession, und tritt in einen schwarzen Kasten ein – ein winziges Kino mit drei Reihen Plüschsitzen und einer Leinwand in Richtung Schlossplatz.
Darauf ist ein Film aus weit entfernter Zukunft zu sehen. Auf Mandarin, der womöglich kommenden Weltsprache, erzählt eine Frauenstimme vom Urknall, dem Beginn der Zeit und der Entstehung des Menschen. Man muss die Untertitel lesen, um zu verstehen, was sie meint, aber das Lesen stört weiter nicht, denn auf der Leinwand ist nur zu sehen, was der Zuschauer schon kennt: der Platz vor dem schwarzen Kinokasten, Frauen mit Einkaufstaschen, Mütter mit Kinderwagen, Skater, Punker, Liebespaare Hand in Hand. Schnell kommt die chinesische Erzählerin vom ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Schnell wird es dunkler auf der Bühne. Der an Schienen hochgezogene weiße Tanzboden, der die Bühne rahmt und in einen White Cube von museumsartigem Zuschnitt verwandelt, verliert seine gleißende Wirkung und wird matt. Tänzer und Tänzerinnen in knöchellangen weiten, schwarzen Musselinröcken postieren sich vor der Rückwand, als seien sie einem barocken Gemälde von...
Idealtypischer könnte so ein Tag in Wiesbaden kaum enden. Da kommt man von einem spätnachmittäglichen Ausflug von der russisch-orthodoxen Kapelle auf den begrünten Hängen des Nerobergs zurück zum alten Kurzentrum mit seiner klassizistischen Spielbank, in der schon Fjodor Dostojewski den einen oder anderen Rubel verjubelte. Und gleich nebenan im Staatstheater geht...
Die neue Spielzeit beginnt traditionsgemäß mit den ganz großen Brocken. Gerne auch inszeniert von den Hausherren und -frauen unserer Theater persönlich: So importiert Volksbühnen-Chef Frank Castorf seine Moskauer Tschechow-Kombi aus «Drei Schwestern» und die «Die Bauern» nach Berlin, wo ihm Dimiter Gotscheff zur Saisoneröffnung mit einer «Chinesin» nach Godards...
