Solidarität oder Die hohe Kunst, sich schmutzig zu machen
1
Als ich gefragt wurde, ob ich Lust hätte, bei der Berliner IETM-Konferenz im vergangenen Mai eine Keynote zum Thema «Solidarität und Empathie als radikale Mittel des Widerstands» beizutragen, wusste ich gleich, worüber ich schreiben könnte. Ich notierte ein paar Stichworte, fand sie einigermaßen passend, und sagte den Programmverantwortlichen Anne Schneider und Franziska Pierwoss per Mail zu. Ich überlegte, die Keynote mit einer dialektischen Danksagung zu eröffnen, die sich an das Konferenz-Publikum richten würde.
Ich wollte meine Dankbarkeit für das Privileg ausdrücken, vor so vielen Menschen sprechen zu können und von ihnen gehört zu werden. Mit einem Text vor Hunderten oder gar Tausenden Menschen, hörte ich mich schon sagen, offenbaren wir Künst -ler:innen oft mehr als die meisten Leute gegenüber einem einzigen Menschen im Laufe ihres ganzen Lebens. Diesen Akt der Dankbarkeit bezeichne ich als «dialektisch», weil er mit einer Feier des Raums beginnen würde – genauer gesagt: einer Feier des Publikums, der Öffentlichkeit, des Vorgangs des Geschichtenerzählens. Zugleich, dachte ich zumindest, würde ich damit auch auf einen schwächeren Aspekt dieses Statements hinweisen: die ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Jahrbuch 2025
Rubrik: Umbrüche, Seite 63
von Sivan Ben Yishai
Wie man in diesen Tagen gute Laune bekommt? Gar nicht. Es sei denn, man sieht und hört nicht, was in der Welt passiert. Wenn es unerträglich wird, wenn alles zu laut, zu düster, zu schnell und zu hoffnungslos erscheint, dann gibt es zwei Dinge, die mir ein wenig Trost geben.
Das Erste ist ein Spaziergang über den St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin. Ich bin in der...
Wie halten Sie sich unter diesen Umständen bei Laune?
Am schönsten wäre natürlich, ich könnte antworten: Ich gehe tanzen! Tanzen macht gute Laune, das versteht jeder. Die Bewegung, die Musik, die Nähe zu anderen Menschen – Tanzen ist das schönste, sinnlichste Programm gegen all die Plagen des Alltags und den tagtäglichen Nachrichten-Horror. Leider tanze ich nicht....
Nein, Joseph Schumpeters affirmative Theorie vom Wirken der disruptiven Kräfte im Kapitalismus steht nicht im Zentrum von Thomas Melles Überschreibung und Neudichtung der «Bakchen» nach dem Urmuster von Euripides. Dennoch kann diese mitgedacht werden, wenn der Autor befragt, was das Dionysische sein und wofür es heute stehen könnte. Und natürlich kommt auch diese...
