Mensch werden
Es passiert selten, dass eine Theaterfigur sich tief einbrennt in die Erinnerung. Dass sie binnen einer Aufführung ganz und gar Mensch zu werden scheint. Ehrlich, unverstellt und durch und durch. Voller Schmerz und voller Scham und ganz ohne Kitsch. Moritz Kienemann ist das gelungen. In seiner Darstellung der, oder besser in seinem Werden zur Figur des Eugen Hinkemann in der Inszenierung von Anne Lenk am Deutschen Theater Berlin. Wie Kienemann das gelingt, ist schwer zu beschreiben.
Dieser Darsteller, der kraftvoll ist und zerbrechlich, der ein Kerl ist «wie ein Baum!», wie es in «Hinkemanns» dramatischem Vorgänger «Woyzeck» über den Tambourmajor heißt. Hinkemann, so beschreibt Ernst Toller seine titelgebende Hauptfigur, «war ein Kerl wie aus Stahl». War.
Aus dem Krieg hat er keine offensichtlichen Verletzungen mitgebracht, keine fehlenden Arme oder Beine. Mit einem Schuss in die Genitalien kehrt dieser Kerl vom Schlachtfeld zu seiner Frau Grete zurück, ohne Potenz, ohne Zeugungskraft und damit ohne Zukunftsversprechen an sie. So steht Moritz Kienemanns Hinkemann zwar mit beiden Beinen auf der Erde und mimt auf dem Jahrmarkt sogar den Inbegriff des kraftstrotzenden deutschen ...
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Theater heute Jahrbuch 2025
Rubrik: Höhepunkte der Spielzeit, Seite 14
von Katrin Ullmann
Menschen wie im freien Fall. So wenig Halt bot ihnen die Bühne von Aleksandar Denic selten: Offene Weite gähnt im Berliner Ensemble, eine einsame rote Fahne säumt sie hinten an der Brandmauer. Die Unterbühne schaut etwas ausstaffierter aus: Eine Waschmaschine steht dort, eine Duschkabine. Auch ein paar Dutzend Panzerräder liegen herum, echte, stählerne, von der...
Wie halten Sie sich unter diesen Umständen bei Laune?
Am schönsten wäre natürlich, ich könnte antworten: Ich gehe tanzen! Tanzen macht gute Laune, das versteht jeder. Die Bewegung, die Musik, die Nähe zu anderen Menschen – Tanzen ist das schönste, sinnlichste Programm gegen all die Plagen des Alltags und den tagtäglichen Nachrichten-Horror. Leider tanze ich nicht....
Theater heute
Die Theaterzeitschrift im 66. Jahrgang Gegründet von Erhard Friedrich und Henning Rischbieter
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