Mensch werden
Es passiert selten, dass eine Theaterfigur sich tief einbrennt in die Erinnerung. Dass sie binnen einer Aufführung ganz und gar Mensch zu werden scheint. Ehrlich, unverstellt und durch und durch. Voller Schmerz und voller Scham und ganz ohne Kitsch. Moritz Kienemann ist das gelungen. In seiner Darstellung der, oder besser in seinem Werden zur Figur des Eugen Hinkemann in der Inszenierung von Anne Lenk am Deutschen Theater Berlin. Wie Kienemann das gelingt, ist schwer zu beschreiben.
Dieser Darsteller, der kraftvoll ist und zerbrechlich, der ein Kerl ist «wie ein Baum!», wie es in «Hinkemanns» dramatischem Vorgänger «Woyzeck» über den Tambourmajor heißt. Hinkemann, so beschreibt Ernst Toller seine titelgebende Hauptfigur, «war ein Kerl wie aus Stahl». War.
Aus dem Krieg hat er keine offensichtlichen Verletzungen mitgebracht, keine fehlenden Arme oder Beine. Mit einem Schuss in die Genitalien kehrt dieser Kerl vom Schlachtfeld zu seiner Frau Grete zurück, ohne Potenz, ohne Zeugungskraft und damit ohne Zukunftsversprechen an sie. So steht Moritz Kienemanns Hinkemann zwar mit beiden Beinen auf der Erde und mimt auf dem Jahrmarkt sogar den Inbegriff des kraftstrotzenden deutschen ...
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Theater heute Jahrbuch 2025
Rubrik: Höhepunkte der Spielzeit, Seite 14
von Katrin Ullmann
Eines muss Julia Riedler gleich zu Beginn klarstellen: «Wir haben das gar nicht überschrieben!», protestiert sie. «Null. Nur die letzten zwei Seiten sind neu geschrieben. Sonst ist alles Schnitzler.»
In München, wo die Schauspielerin nach ihrer Kündi -gung an den Kammerspielen 2020 nie ganz weggezogen ist, treffen wir uns, um über «Fräulein Else» zu reden. Das Solo...
Wie ich mich bei Laune halte? Das Lachen vergeht einem angesichts der weltpolitischen Lage, aber auch der kleinen Themen, die oft noch näher sind. Und doch: Es gibt Momente, in denen es immer wieder gelingt – dieses merkwürdige, fragile Konstrukt namens «gute Laune» wenigstens für kurze Zeit aufrechtzuerhalten. Zum Beispiel beim Lachen. Oder beim Schwimmen.
Beides...
ch halte meine Nase in den Wind. Ich atme ein. Ich schließe die Augen. Die Sonne scheint mir direkt ins Gesicht. Würdest Du neben mir stehen und mir direkt ins Gesicht schauen, würdest Du sehen: jedes einzelne kleine Härchen auf meiner Haut strahlt goldentransparent. Ich konzentriere mich auf das Rauschen des Windes. Ich glaube, es zu hören, wie es sich um...
