Sie ist dann mal weg
Ein letztes Mal tritt Farida Mtamakosi ans Mikrofon. Die Politikwissenschaftlerin hatte sich selbst blendend gelaunt als «political clown» vorgestellt und als ein zeitgenössischer Sisyphos mit Verve in den Kampf mit dem Bürokratie-Monster Ausländerbehörde gestürzt. Eine Schwarze Frau, die wusste, wer sie war, bis sie nach Deutschland kam und hier zur «Anderen» gemacht wurde. Mtamakosi steht am Ende des Videostreams «Who the F*** are you, mich zu fragen, woher ich wirklich komme?» mit Mantel und Koffer vor ihrer leergeräumten Wohnung.
Sie blickt in die Kamera, holt Luft, hält den Blick, atmet leise aus und – geht wortlos ab.
Die Zeit der Worte, der Anekdoten, vor allem aber der Erklärungen ist vorbei. Wer bis hierhin, bis zum Ende des komischen, finsteren, klaren Monologs aus der Feder der Schauspielerin Mercy Dorcas Otieno das Problem nicht verstanden hat, dem wird nichts mehr erklärt. Punkt.
Dass Mtamakosi einfach geht, zurück nach Tansania, ist nicht nur ein unerhört lässiges Ende, stärker als jeder Wutanfall und jede Lecture über Rassismus. Es ist eine Machtverschiebung: Mtamakosi wird von der Bittstellerin, zu der die deutsche Gesellschaft die junge Frau von der ersten ...
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Theater heute Oktober 2021
Rubrik: Chronik, Seite 48
von Cornelia Fiedler
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#MeToo auf der Theaterbühne zu thematisieren, ist ein bisschen wie eine Operation am offenen Herzen. Da, wo noch immer patriarchale Hierarchien herrschen, ist auch sexualisierter Machtmissbrauch nicht weit. Der eigenen Branche den Spiegel vorzuhalten, dazu fehlte Roland Schimmelpfennig der Mut. Das Theater selbst spielt dann auch in seinen «Siebzehn Skizzen aus der...
Wer denkt sich so etwas aus? Eine Frau, genauer eine Jungfrau, die sich freiwillig einer göttlichen Eingebung unterwirft, allen irdischen Vergnügungen – Liebe! – abschwört und damit in einem patriotischen Feldzugstaumel ihr Land rettet. Am Ende stirbt sie nach einem dann doch gefühlsbedingten Zwischentief mit Gewissensprüfung auch noch den Heldentod. Schillers...
