Späte Befreiung
Wer denkt sich so etwas aus? Eine Frau, genauer eine Jungfrau, die sich freiwillig einer göttlichen Eingebung unterwirft, allen irdischen Vergnügungen – Liebe! – abschwört und damit in einem patriotischen Feldzugstaumel ihr Land rettet. Am Ende stirbt sie nach einem dann doch gefühlsbedingten Zwischentief mit Gewissensprüfung auch noch den Heldentod.
Schillers bigotte Männerfantasie – historisch erklär-, wenn auch nur bedingt entschuldbar – war nicht von ungefähr sein größter Theatererfolg zu Lebzeiten und dürfte sich in spätmodernen Zeiten auch ganz unabhängig von sogenannten Kanondebatten weit jenseits der Grenze zur Unspielbarkeit bewegen.
Vermutlich hat die polnische Regisseurin Ewelina Marciniak genau dieser Umstand interessiert, denn Schillers Herrschaftsperspektive lässt sich selbstverständlich auch gegen sich selbst wenden. In der stark eingreifenden Bearbeitung von Dramaturgin Joanna Bednarczyk geht es zunächst in schnellen Schnitten durch die ersten Akte. Auf modernistisch halbabstrakter Bühne (Mirek Kaczmarek) – links überlanges Ecksofa, rechts knöcheltiefes Spaßplanschbecken – arbeitet sich Annemarie Brüntjens Johanna mit dem nötigen Eigensinn durch die ersten ...
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Theater heute Oktober 2021
Rubrik: Chronik, Seite 52
von Franz Wille
Impressum
Die Theaterzeitschrift im 62. Jahrgang
Gegründet von Erhard Friedrich und Henning Rischbieter
Herausgeber
Der Theaterverlag – Friedrich Berlin
Redaktion
Eva Behrendt
Franz Wille (V.i.S.d.P.)
Redaktionsbüro
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Gestaltung
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Redaktionsanschrift
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Telefon 030/25...
Als ziemlich spät am Abend der öffentlichen und gestreamten Preisjury-Debatte der Anruf von Stephanie Steinberg kam, war Ewe Benbenek überzeugt davon, dass sich die Festivalleiterin nur erkundigen wollte, wie sie denn so durch den Abend gekommen sei. Natürlich hatte die 1985 geborene Autorin den Rechner zugeklappt, ihr Handy ausgeschaltet und war zu einer Freundin...
Fortschritte in der Auffassung der «Dreigroschenoper» kann man wohl nur noch im Detail beobachten. Da wäre die Geschichte des «Hoppla!» («Und wenn dann der Kopf rollt» oder «fällt», je nach Fassung, «dann sag ich: Hoppla!» aus dem Lied der «Seeräuber-Jenny»): Das ganze «Und wenn dann …» im Rezitativ lassen und erst für «Hoppla!» von Singstimme auf Sprechstimme...
