Späte Befreiung
Wer denkt sich so etwas aus? Eine Frau, genauer eine Jungfrau, die sich freiwillig einer göttlichen Eingebung unterwirft, allen irdischen Vergnügungen – Liebe! – abschwört und damit in einem patriotischen Feldzugstaumel ihr Land rettet. Am Ende stirbt sie nach einem dann doch gefühlsbedingten Zwischentief mit Gewissensprüfung auch noch den Heldentod.
Schillers bigotte Männerfantasie – historisch erklär-, wenn auch nur bedingt entschuldbar – war nicht von ungefähr sein größter Theatererfolg zu Lebzeiten und dürfte sich in spätmodernen Zeiten auch ganz unabhängig von sogenannten Kanondebatten weit jenseits der Grenze zur Unspielbarkeit bewegen.
Vermutlich hat die polnische Regisseurin Ewelina Marciniak genau dieser Umstand interessiert, denn Schillers Herrschaftsperspektive lässt sich selbstverständlich auch gegen sich selbst wenden. In der stark eingreifenden Bearbeitung von Dramaturgin Joanna Bednarczyk geht es zunächst in schnellen Schnitten durch die ersten Akte. Auf modernistisch halbabstrakter Bühne (Mirek Kaczmarek) – links überlanges Ecksofa, rechts knöcheltiefes Spaßplanschbecken – arbeitet sich Annemarie Brüntjens Johanna mit dem nötigen Eigensinn durch die ersten ...
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Theater heute Oktober 2021
Rubrik: Chronik, Seite 52
von Franz Wille
Ein letztes Mal tritt Farida Mtamakosi ans Mikrofon. Die Politikwissenschaftlerin hatte sich selbst blendend gelaunt als «political clown» vorgestellt und als ein zeitgenössischer Sisyphos mit Verve in den Kampf mit dem Bürokratie-Monster Ausländerbehörde gestürzt. Eine Schwarze Frau, die wusste, wer sie war, bis sie nach Deutschland kam und hier zur «Anderen»...
Auf einer Alsterwiese spielen Menschen. Sie werfen sich eine Plastikflasche zu, und wer die Flasche fallenlässt, legt ein Kleidungsstück ab, erst Schuhe, dann Shirt, dann Slip. Und bald ist alles ein großes Kichern, ein Klatschen von Haut auf Haut, ein Wackeln von Brüsten und Schwänzen. Es sind sexuell aufgeladene Bilder, die hier entstehen, aber gleichzeitig sind...
Der Dichter spricht. Kurz nach der Pause schließt sich der Vorhang im Großen Haus des Theaters Lübeck, und Heinrich Mann selbst tritt an die Rampe. Zögernd, unsicher zunächst, spricht er zum Publikum, erzählt, wie «Der Untertan» Diederich Heßlich zu Macht gelangen konnte, mittelmäßiger Schüler, Petze, Verbindungsstudent, Papierfabrikant in der Provinz. Mann erklärt...
