Späte Befreiung
Wer denkt sich so etwas aus? Eine Frau, genauer eine Jungfrau, die sich freiwillig einer göttlichen Eingebung unterwirft, allen irdischen Vergnügungen – Liebe! – abschwört und damit in einem patriotischen Feldzugstaumel ihr Land rettet. Am Ende stirbt sie nach einem dann doch gefühlsbedingten Zwischentief mit Gewissensprüfung auch noch den Heldentod.
Schillers bigotte Männerfantasie – historisch erklär-, wenn auch nur bedingt entschuldbar – war nicht von ungefähr sein größter Theatererfolg zu Lebzeiten und dürfte sich in spätmodernen Zeiten auch ganz unabhängig von sogenannten Kanondebatten weit jenseits der Grenze zur Unspielbarkeit bewegen.
Vermutlich hat die polnische Regisseurin Ewelina Marciniak genau dieser Umstand interessiert, denn Schillers Herrschaftsperspektive lässt sich selbstverständlich auch gegen sich selbst wenden. In der stark eingreifenden Bearbeitung von Dramaturgin Joanna Bednarczyk geht es zunächst in schnellen Schnitten durch die ersten Akte. Auf modernistisch halbabstrakter Bühne (Mirek Kaczmarek) – links überlanges Ecksofa, rechts knöcheltiefes Spaßplanschbecken – arbeitet sich Annemarie Brüntjens Johanna mit dem nötigen Eigensinn durch die ersten ...
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Theater heute Oktober 2021
Rubrik: Chronik, Seite 52
von Franz Wille
Als Josef Hader bei der Premiere die Bühne betritt, wird er vom Publikum im Wiener Stadtsaal mit Ovationen empfangen. «Sie sind ein bissl aufgeregt, gell?», sagt Hader. «Sie müssen sich keine Sorgen machen, ich mach’ das schon, mit meiner Premierenroutine.» Das ist die erste Pointe des Abends. Denn alle im Saal wissen: Keiner hat so wenig Premierenroutine wie der...
Da ist er also, der Theatermann, von dem wir in den letzten Monaten so viel gelesen haben. Ein Machthaber vor dem Herrn, der sich allerdings weder Mantel noch Schuhe selber ausziehen kann, der Frittatensuppe und Mineralwasser, aber auch einen ganzen Stab Gehorchender und Dienender braucht, um überhaupt zurechtzukommen in der Welt.
Ein Subjekt, das sich selbst...
Bis zum Schluss eine Zitterpartie. So knapp vorher – zwei Wochen – wurde das Programm eines globalen Festivals selten verkündet, bis zuletzt mit Version A, B und C jongliert. Und dann ist «Theater der Welt» in Düsseldorf, ohnehin schon um ein Jahr verschoben, doch das erste große Kulturereignis, das zu weiten Teilen in der Realität stattfand, kombiniert mit ein...
