Der Schnitzler- Konsens

Roland Schimmelpfennig «Siebzehn Skizzen aus der Dunkelheit» (U), Nancy Harris «Leuchtfeuer» (DE) im Staatstheater Stuttgart, Kammertheater

#MeToo auf der Theaterbühne zu thematisieren, ist ein bisschen wie eine Operation am offenen Herzen. Da, wo noch immer patriarchale Hierarchien herrschen, ist auch sexualisierter Machtmissbrauch nicht weit. Der eigenen Branche den Spiegel vorzuhalten, dazu fehlte Roland Schimmelpfennig der Mut. Das Theater selbst spielt dann auch in seinen «Siebzehn Skizzen aus der Dunkelheit» keine Rolle. Die Filmbranche aber schon: etwa in Gestalt einer Schauspielerin um die 50, die nur noch eine Rolle erwarten darf, wenn sie dem lüsternen Filmproduzenten sexuell gefügig wird.

Der benutzt «Sexbomb» als Handyklingelton, braucht Viagra, das er schon zu Beginn des Treffens schamlos sichtbar einwirft. Eine erbärmliche Figur. Evgenia Dodina spielt ihn als Hosenrollenwitzfigur. Während Sylvana Krappatsch die Ex-Bühnen-Diva mit einer Würde gibt, die angesichts des Verlaufs dieser peinlichen Szene tragische Züge annimmt.

Schimmelpfennigs Stück ist eine Überschreibung von Arthur Schnitzlers 100 Jahre altem Skandalstück «Reigen». Die Uraufführung fand im vergangenen Juli im Stuttgarter Schauspielhaus statt. Schimmelpfennig hat Schnitzlers Figuren ins Heute geholt – samt allgemein verbreiteter Lustmittel ...

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Theater heute Oktober 2021
Rubrik: Chronik, Seite 53
von Verena Großkreutz

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