Sibylle Berg: UND SICHER IST MIT MIR DIE WELT VERSCHWUNDEN

© Rowohlt Theater Verlag 2020 Das Ende der Serie

Theater heute - Logo

Das Ende der Serie

Text für eine oder mehrere F

PROLOG

Da sind Sie wohl zu spät gekommen:
Das Bett ist leer, die Mutter tot.
Sie liegt erkaltet schon im Keller,
doch vielleicht klebt sie noch hier,
da oben an der Decke maybe –
sie starb heut Morgen gegen vier.
Sie hat sehr grauenhaft gelitten,
so einsam, kalt, verlassen hier,
sie hat nach Ihnen noch gerufen –
der Name fiel ihr nicht mehr ein –
wir lassen Sie jetzt kurz alleine,
Sie müssen stark betroffen sein.



Selbst wenn Sie jetzt nicht daran glauben,
die Welt, die wird sich weiterdrehn.
Es wird bald wieder Frühling werden,
als sei der Tod und dieses Grauen
ganz einfach nie und nicht geschehn,
als habe diese eine Leiche
niemals geweint, geliebt, gelacht –
als wäre sie nie dagewesen,
als hätten alle ihre Jahre, ihr Sein ganz einfach
nichts gemacht.

Sehen Sie mich?
Ich schwebe da oben an der Decke.
Unten das Intensivpflegezimmer, pro Monat 20.000, leises Lachen, wenn ich noch dazu in der Lage wäre. Ein leeres
Bett, vor dem steht meine Tochter und versucht sich in einem traurigen
Gefühl. Stichwort: Seit ein paar Jahren keinen Kontakt mehr, Stichwort: Mutter starb alleine, Stichwort: Erbschaft?
Sie müsste sich jetzt schlecht fühlen, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Oktober 2020
Rubrik: Stückabdruck, Seite 99
von

Weitere Beiträge
Vom Alleinsein in der Welt

Die kleine Form hat Konjunktur – zumindest bei der diesjährigen Ausgabe des Kunstfests Weimar. Ob Falk Richter, Theresia Walser oder Sibylle Berg, sie alle lieferten den Corona-gerechten Solo-Sound des vereinsamten Menschens. Während Bergs Text «PAUL oder im Frühling ging die Erde unter», der in der Regie von Ersan Mondtag mit Benny Claessens immerhin noch eine...

Mainz Staatstheater: Die hohe Kunst des Ferndialogs

Kurz nach dem Corona-Lockdown im März registrierte man noch mit kindlichem Staunen all die Verhaltensveränderungen, mit denen die Menschen auf der Straße scheinbar signalisierten: Wir haben verstanden, dass ein pandemischer Virus uns gerade Grenzen aufzeigt. Jetzt, nach Monaten der häuslichen Quarantäne, ist da nicht mehr diese staunende Ergriffenheit angesichts...

Corona: Spiel mit der Krise

The Show Must Not Go On»: Was Tim Etchells am Ufer des Zürichsees als Leuchtschrift auf ein schwindelerregendes Gerüst montiert hat, ist Programm im diesjährigen «Speki»: So tun als ob, geht nicht. Einfach eine Schrumpflösung des geplanten Pro- gramms wäre nicht umzusetzen gewesen. Das Zürcher Theaterspektakel ist gewöhnlich die Quintessenz der...