Einladung zur Verinselung
Der Ozean schäumt, gischtet, brandet. Wellen türmen sich zu enormer Höhe auf, Wassermassen schieben heran, ein schwarzgraues, dunkles Wogen, das in weißer, brodelnder Gischt endet, während sich im Hintergrund schon die nächsten Riesenwellen aufschichten, schieben, gischten, bis sie brechen. Der silbergraue Himmel geht unterschiedslos in wütendes Wasser über.
Ohrenbetäubendes Tosen, Rauschen, Gluckern begleitet das Naturschauspiel von erhabener Schönheit und verleitet zur Versenkung in dieses unablässige Wogen sturmbewegten Wassers, das stets anders aussieht und sich doch stets gleicht. Furchterregend und hypnotisch, bedrohlich, bezwingend und betörend.
Die Video- und Klanginstallation «Thirst» von Voldemars Johansons zeigt einen Sturm vor den Färöer-Inseln. Sie ist Teil des Festivals Theaterformen in Braunschweig, das im Juli als «Sonderausgabe» stattfand. «Kann man sich hier irgendwo unter das Volk mischen?», hatte kurz zuvor ein Passant die künstlerische Leiterin Martine Dennewald gefragt. «Das Volk», das sind am Eröffnungsabend im Staatstheater Braunschweig ein Dutzend verstreute Zuschauer*innen. Denn das Festival antwortete auf die Einschränkungen durch die Maßnahmen zur ...
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Theater heute Oktober 2020
Rubrik: Festivals, Seite 10
von Esther Boldt
Kurz nach dem Corona-Lockdown im März registrierte man noch mit kindlichem Staunen all die Verhaltensveränderungen, mit denen die Menschen auf der Straße scheinbar signalisierten: Wir haben verstanden, dass ein pandemischer Virus uns gerade Grenzen aufzeigt. Jetzt, nach Monaten der häuslichen Quarantäne, ist da nicht mehr diese staunende Ergriffenheit angesichts...
Der beste Moment in Pauls Leben, jedenfalls wenn es nach seiner Erzählerin Sibylle Berg geht, war der, als er sich mit 15 in einen Mitschüler verliebt hat. Eine Nacht im Zelt am See – das muss genügen. Was davor und danach kam, ist das Durchschnitts-Unglück des mittleren Angestellten ohne besondere Eigenschaften: «Dieses Wissen, nichts zu können / die Ahnung,...
Lacht nicht über mich, ich bin ein alberner und altersschwacher Mann» – und keiner lacht. Lears Weg von Amtsmüdigkeit zu Altersstarrsinn zu Kontrollverlust, Gedächtnisschwund und Identitätsaufweichung ist dem Publikum ein bekannter Weg. Johan Simons schickt in seiner Bochumer Inszenierung den König Lear vorweg schon auf die Bühne mit der Bitte um Nachsicht.
Aber...
