Seniorchef Moor

Schiller «Die Räuber»

Die Räuber» sind vor allem auch der Seelenerguss eines Zwanzigjährigen im Kampf gegen die Überväter. Annet­te Pullen, 32, hat Schillers Sturm-und-Drang-Moritat vor allem als gera­dezu zeitgeistiges psychologisches Familien­drama gelesen, als Saga um Maxi­mi­lian Moor, Patriarch im Maßanzug, und seine beiden Söhne Karl und Franz.
Frauen sind in dieser Welt, in diesem Kampf der Söhne um die Gunst des Vaters, nicht von Bedeutung.

Das einzige weibliche Wesen in der Beset­zungsliste, Amalia, eine der berüchtig­ten eindimensionalen Schillerschen Frauenfiguren, setzt die Regie vorwie­gend dekorativ ein, während der gute Karl, ihr Verlobter, sie bis kurz vor Schluss vergisst. Andererseits: Tenden­ziell scheut er sowieso die Verantwor­tung. Seine Freunde, die späteren Räuber, sind seine Peer Group und seine Ersatzfamilie. Franz, der jüngere Sohn, versucht bei Papa einigermaßen erfolglos zu punkten, indem er oberschlau ist, und reibt sich an einer geschwisterlichen Konkurrenz auf, die für den Älteren gar keine Rolle spielt. Erwachsen geworden sind beide nicht. Wie auch: bei diesem Vater.
Andreas Grothgar gibt den alten Moor als virilen Business-Mann in den besten Jahren, brilliert in einer ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute August/September 2006
Rubrik: Chronik, Seite 55
von Susanne Finken

Vergriffen
Weitere Beiträge
Aufstieg zu den Müttern

Geister machen gewöhnlich nachts auf sich aufmerksam. Klopfgeräusche aus dem Schrank oder Geheul im westlichen Flügel sind immer ein Hinweis darauf, dass in der Vergangenheit noch eine Angelegenheit offen ist. Man kann damit locker umgehen und das Gespenst zu dem Familienmitglied erklären, das es meistens ohnehin ist. Oder man kann sich fürchten, dann gehört die...

Wenn das Abenteuer Pause macht

Ja, da muss man sich doch einfach hinlegen: Die Wiener Festwochen 2006 begannen mit einem kollektiven Bed-in. Die Bühne für Ivo van Hoves Theateradaption des John-Cassavetes-Films «Faces» von 1968 besteht aus einer Bettenlandschaft; das Publikum verfolgt die im Stück verhan­delte Ehekrise aus der Horizontalen (s. TH 8-9/05). Die Inszenierung ist eine Koproduktion...

Die Kunst der Bühne

Der Name klingt holprig und ist zudem schief. «Bühnenbild» – eines jener deutschen Doppelworte, das zwei Begriffe, die nicht so recht zusammenpassen, schamlos hintereinanderhängt in der Hoffnung, dass die dadurch erreichte Verwirrung ausreicht, von unangenehmen Nachfragen abzuhalten. Mit Bildern jedenfalls hat das, was auf den interessanteren deutschen Bühnen neben...