Selbstverständlich neu
Antigone hat ein Problem. Das hat sie seit mehr als 2400 Jahren, als Sophokles ihre Geschichte aufschrieb. Aber jetzt ist die Lage wirklich prekär. Ihr Bruder verübte einen Selbstmordanschlag auf das Haus, in dem sie mit Haimon und ihrem Schwiegervater Kreon wohnt; dieser mutiert vom demokratischen Präsidenten zum angstzerfressenen Diktator, sie von einer gemäßigten Muslima zu einer radikalen. Doch ganz abgesehen von der Frage, wie man einen Attentäter beerdigen will, der sich gerade mit ein paar hundert Kilo Sprengstoff pulverisiert hat, ist Antigones Dilemma ein theatrales.
Sie verschwindet, nachdem alle Details des Anschlags offenbar werden, als Figur und taucht als Projektionsfläche wieder auf. Antigone im Video- und Mediengewitter, Antigone als mögliche RAF-Ikone, Antigone als Freiheitskämpferin, Antigone rettet Europa vor dessen Ignoranz.
Als Anfang der neunziger Jahre die ersten sogenannten postdramatischen Stücke auftauchten und das Theater als ästhetische Anstalt darauf reagieren musste, steckte Yael Ronen, die Regisseurin dieser «Antigone», gerade in der Pubertät. Inzwischen haben die Stadttheater die einst in der Freien Szene entstandenen performativen Ausdrucksformen ...
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Das Publikum zu beiden Seiten des schmalen schwarz glänzenden Steges, meist einander ins Gesicht schauend, manchmal vom glitzernden Glasperlenvorhang getrennt, jubelt. Claudia Bauer muss etwas von dem Lebensgefühl dieser Generation getroffen haben, die sich mit Büchner zumindest in der schönen Sequenz einig weiß: Wer arbeitet, ist ein subtiler Selbstmörder. Allzu...
Der Anfang ist ein klassisches Nübling-Gewitter. Rund 20 wildgewordene Börsianer, die im Rudel rennen und schreien und die Fäuste recken. Dazwischen die kleine Katharina Schmalenberg als Lady Macduff, die eiskalt sinkende, dann steigende Aktienkurse ausruft. Dann tritt ein ruhiger, guruhafter Duncan ins junge Gebrüll, denkt laut über seinen Nachfolger nach und...
Vor ziemlich genau zwei Jahren, nachdem sie eine «Lenz»-Aufführung in Berlin gesehen hatten, fragten mich die Chefdramaturgin und der Generalintendant des Weimarer Nationaltheaters begeistert («Was für eine starke Form!»), ob ich nicht Lust hätte, «Faust» in Weimar zu inszenieren. Den ganzen. Gott sei Dank habe ich mich nur um den zweiten Teil gekümmert, sonst...
