Herzschlag der Szene
Am Vorabend seines Todes habe ich ihn zwischen vielen Menschen auf einer Premierenfeier getroffen und in sein durchwachtes Gesicht geschaut. Er fragte, was der Sinn des Lebens sei. «Wir brauchen Dich, Laurent!» – «Ist das der Sinn des Lebens, dass man gebraucht wird?», war seine Antwort. Je t'ai besoin – diesen Satz hat er selber einmal vertont, für den zweiten Teil der «Orestie»: Elektra am Grab ihres Vaters, 2002 an den Münchner Kammerspielen. So holt das Leben die Kunst ein.
«Gebraucht» hat Andreas Kriegenburg vor 14 Jahren bei seiner Inszenierung «Kasimir und Karoline» einen Musiker und zum ersten Mal von einem gewissen Laurent Simonetti gehört. Da hatte dieser eigentlich schon entschieden, sich zum Reisekaufmann umschulen zu lassen und den Musikerberuf an den Nagel zu hängen. Doch Kriegenburg lernte ihn kennen und überredete ihn, zum Theater zurückzukehren, das seitdem seine zweite Familie wurde.
Wochenlang saß Laurent Simonetti auf Proben, hat genau zugehört und hingeschaut und mit seinen Akkordeontönen die Schauspieler zum Spielen animiert. Wenn ihm etwas fremd oder unverständlich blieb, fragte er fast kindlich genau nach dem Sinn eines Satzes oder gar einer Szene. ...
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Das Publikum zu beiden Seiten des schmalen schwarz glänzenden Steges, meist einander ins Gesicht schauend, manchmal vom glitzernden Glasperlenvorhang getrennt, jubelt. Claudia Bauer muss etwas von dem Lebensgefühl dieser Generation getroffen haben, die sich mit Büchner zumindest in der schönen Sequenz einig weiß: Wer arbeitet, ist ein subtiler Selbstmörder. Allzu...
"Alles trocken." Die junge Kollegin kann nicht mehr weinen, seit sie den perfekten Moment erlebt hat, in dem sie beim Spielen selbst glaubte, sich und alle Zuschauer in ein anderes Sein befördert zu haben. Noch wundert sie sich, dass dieser Moment nicht wieder herstellbar ist – wie der Dornenauszieher in Kleists «Marionettentheater». Marcelline wundert sich schon...
David checkt seine Mails. Das bleiche Licht des Bildschirms färbt sein Gesicht gespenstisch. Und das nicht von ungefähr, denn David (Andrea Bettini) gehört zur Gattung der Untoten, Untergruppe: einsamer Mann Mitte 40, im Geschäftsleben erfolglos, im Gefühlsleben erkaltet. Mit Liegestütz und Sit-ups beweist er sich, dass noch Energie in ihm steckt. Nebenher...
