Selbstbebilderung
Narzissmus ist eine Zeitkrankheit. Keine individualpsychologische Charakterstörung, sondern eine soziologische Diagnose. Ökonomisch verbrämt als «Selbstmanagement», philosophisch kaschiert als «Selbstsorge» oder «Freundschaft mit sich selbst» wird von allen Seiten die Steigerung der Konzentration auf sich selbst gefordert. Jede Situation, in die wir geraten, jede Handlung, die wir tun, sei nur ein Spiegel unserer selbst, wird uns gesagt. Vor allem sich selbst zu lieben, ist dann nur rational.
Narzissmus ist die Norm, ist die Form von Realitätsverlust, die die Wirklichkeit uns heute nahe legt.
Tschechows schlaffer Anti-Held Iwanow stammt aus einer anderen Zeit, aus der der enttäuschten reformerischen Hoffnungen der russischen Intelligenz im zaristischen Russland, ein ehemals volkstümlerischer Aristokrat, nach jugendlicher Erregung vorschnell ermüdet. Dieser träge «überflüssige Mensch» ist aber auch ein Spiegel für sich selbst bespiegelnde, hektische, flexibilisierte Menschen.
Matthias Hartmann wählt für seine Bochumer Inszenierung eine spätere Fassung Tschechows, in der Iwanow nicht sang- und klanglos tot vom Stuhl fällt, wie in der Erstfassung, sondern sich mit dramatischem Akzent ...
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Thomas Bernhard und Nürnberg – damit könnte man es sich sehr einfach machen: «… wie dieser schreckliche Ur- und Vor-Nazi Dürer», heißt es an einer Stelle in den «Alten Meistern», «der die Natur an die Leinwand gestellt und getötet hat, dieser schauerliche Dürer, wie Reger sehr oft sagt, weil er Dürer tatsächlich zutiefst hasst, diesen Nürnberger Ziselierkünstler.»
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Der Mann ist tot. Ganz überwiegend jedenfalls. Das Gesicht zerschunden, der Brustkorb starr, Arme und Beine regungslos, liegt er aufgebahrt im blendenden Weiß eines Krankenhauses. Trotzdem: Es gibt so Typen, die können ihre Klappe nicht halten. Und Jaecki Zucker zählt dazu. Da ist es auch egal, dass er tot ist – Zucker muss noch einiges loswerden. Vor allem über...
Seine Stücke handeln von Tanz- und Truppenbewegungen, sein Personal nennt sich «Sweethearts of Rhythm», «Golfkrieg Girls & Boys» oder «Die Einzigen Zeugen», und seine Hörspiele heißen «Schrei (wenn du kannst)», «ich auf der tretmine» oder «die Idee der Strafe». Der 1963 geborene Frankfurter Autor und Musiker Albrecht Kunze arbeitet an der Demarkationslinie von...
