Seismografische Gegenwartsfitness
Erstens: W-Fragen», eröffnet der engagierte Pädagoge Stefan in Yael Ronens Stückentwicklung «The Situation» seinen Abendkurs «Deutsch als Fremdsprache» und federt motivationsunterstützend in den Knien nach.
Dann wendet er sich erwartungsvoll an die israelische Kursteilnehmerin Noa: «Wer bist du?» Noa zeigt sich hoch motiviert: In einem schwer avantgardeverdächtigen Hebräisch-Englisch-Deutsch-Pidgin skizziert sie zunächst die Grundzüge des Nahostkonflikts, um die Identitätsfrage anschließend am Beispiel ihrer eigenen, im akuten Zerbröselungszustand befindlichen Ehe mit dem hinter ihr sitzenden arabischen Mitschüler Amir zu vertiefen – der sich die Gelegenheit natürlich nicht entgehen lässt, seiner Noch-Gattin in die Erklärungsparade zu fahren. Als Noa nach einer gefühlten Stunde ihr kleines «W-Fragen»-Referat schließlich – historisch angemessen tiefendimensional – mit einem Holocaust-Exkurs beschließt, hat sich beim Pädagogen Stefan das Stirnschweißaufkommen deutlich erhöht.
Kurzum: Wer wie dieser wackere Kollege bei «Wer bin ich? Wer bist du? Wer sind wir?» jahrelang an sprachliche Basislektionen, Konjugationstabellen oder bewusstseinsphilosophische Proseminare dachte, dürfte ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Mai 2016
Rubrik: Mülheimer Theatertage, Seite 42
von Christine Wahl
Wer glaubt noch «Nathan»? Lessings akkuratem Fünfakter von der überlegenen Weisheit einer aufklärerischen Vernunft, die sich über alle Religionen hinweg mit souveräner Toleranz durchsetzt? Dieser aufklärerischen Utopie einer Humanität, vor der alle Menschen gleich sind wie in einer großen Familie, die sich am Ende segensreich um den Hals fällt? Wer könnte solche...
Im März kam der Berliner Philipp Ruch mit seinem Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) nach Zürich, um im Auftrag des Theater Neumarkt aus der Fixierung auf Roger Köppel und seine rechtsnationale «Weltwoche» etwas Kunst zu formen. Eine kleine Nebenarbeit, nicht viel mehr als eine Website. Auf www.schweiz-entkoeppeln.ch konnten Nutzer Flüche an die Adresse des...
Im Anfang ist der (Freuden-)Heulkrampf: Als die Dozenten der Staatlichen Schauspielschule Hannover zu Beginn von Till Harms’ Dokumentarfilm «Die Prüfung» jene zehn Auserwählten anrufen, die sie nach einem mehrtägigen Hardcore-Prüfungsverfahren schlussendlich unter 687 Bewerbern fürs Schauspielstudium auserkoren haben, hört man am anderen Ende der Leitung ein...
