Seismografische Gegenwartsfitness
Erstens: W-Fragen», eröffnet der engagierte Pädagoge Stefan in Yael Ronens Stückentwicklung «The Situation» seinen Abendkurs «Deutsch als Fremdsprache» und federt motivationsunterstützend in den Knien nach.
Dann wendet er sich erwartungsvoll an die israelische Kursteilnehmerin Noa: «Wer bist du?» Noa zeigt sich hoch motiviert: In einem schwer avantgardeverdächtigen Hebräisch-Englisch-Deutsch-Pidgin skizziert sie zunächst die Grundzüge des Nahostkonflikts, um die Identitätsfrage anschließend am Beispiel ihrer eigenen, im akuten Zerbröselungszustand befindlichen Ehe mit dem hinter ihr sitzenden arabischen Mitschüler Amir zu vertiefen – der sich die Gelegenheit natürlich nicht entgehen lässt, seiner Noch-Gattin in die Erklärungsparade zu fahren. Als Noa nach einer gefühlten Stunde ihr kleines «W-Fragen»-Referat schließlich – historisch angemessen tiefendimensional – mit einem Holocaust-Exkurs beschließt, hat sich beim Pädagogen Stefan das Stirnschweißaufkommen deutlich erhöht.
Kurzum: Wer wie dieser wackere Kollege bei «Wer bin ich? Wer bist du? Wer sind wir?» jahrelang an sprachliche Basislektionen, Konjugationstabellen oder bewusstseinsphilosophische Proseminare dachte, dürfte ...
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Theater heute Mai 2016
Rubrik: Mülheimer Theatertage, Seite 42
von Christine Wahl
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Orgelnde Monologe
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