Auf verlorenen Posten
Wer glaubt noch «Nathan»? Lessings akkuratem Fünfakter von der überlegenen Weisheit einer aufklärerischen Vernunft, die sich über alle Religionen hinweg mit souveräner Toleranz durchsetzt? Dieser aufklärerischen Utopie einer Humanität, vor der alle Menschen gleich sind wie in einer großen Familie, die sich am Ende segensreich um den Hals fällt? Wer könnte solche Flötentöne aufs hohe Lied der Brüder- und Schwesterlichkeit in Zeiten religiösen Fundamentalismus’, sich überschlagender Flüchtlingskrisen und europäischer Grenzschließungen überzeugend anstimmen?
Andererseits
waren die Zeiten selten besser für Lessings «dramatisches Gedicht». Schließlich hat es sein Autor nicht als das bequeme Erbauungsgesäusel geschrieben, zu dem der Schulbuchklassiker geworden ist, sondern als politische Streitschrift. Ging es damals gegen den autokratischen Anspruch einer christlichen Herrschaftsreligion, wäre heute die Ohnmacht einer idealistischen Position ein Hebel für Nathans Widerspruch. Allerdings muss man diesem unglaublichen «Nathan» dafür auch ein Stück weit glauben. Sprich: vertrauen.
Menschen im Hotel
Armin Petras hat sich dem Problem über einen Umweg genähert, sowohl ästhetisch als ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Mai 2016
Rubrik: Aufführungen, Seite 10
von Franz Wille
Manche bezeichnen Konstantin Bogomolow als billigen Schocker. Junge Kritiker sehen seine Inszenierungen drei bis vier Mal und kennen jede Szene. Konservative Dozenten an den Theaterhochschulen verschrecken ihre Studenten allein mit seinem Namen, während wiederum einige Mitglieder des Polit-Establishments (und besonders deren Glamour-Ehefrauen) ein Wahnsinnsgeld...
Pisto ist ein Freund der klaren Ansagen. Vielleicht, empfiehlt er seinem Kumpel Hupka warmherzig, «gibt’s Leute, die sollten sich ein Schild um den Hals hängen: ‹Verlierer›. Alles, was ich anpacke, wird Schrott.» Unrecht hat Pisto (Nahuel Häflinger) natürlich nicht: Die Differenz zwischen Sein und Bewusstsein ist bei Hupka tatsächlich ganz besonders imposant. Denn...
Till Briegleb Clemens Sienknecht, wie kommt man als Regisseur und Musiker auf die Idee, einen traurigen Roman über ein ungelebtes Leben wie Fontanes «Effi Briest» mit einer lustigen Radioshow aus den Siebzigern zu verbandeln?
Clemens Sienknecht Als ich Fontanes Roman las, stellte ich mir vor, dass die Geschichte von einer Schallplatte erzählt wird. Innstetten tritt...
