Auf verlorenen Posten
Wer glaubt noch «Nathan»? Lessings akkuratem Fünfakter von der überlegenen Weisheit einer aufklärerischen Vernunft, die sich über alle Religionen hinweg mit souveräner Toleranz durchsetzt? Dieser aufklärerischen Utopie einer Humanität, vor der alle Menschen gleich sind wie in einer großen Familie, die sich am Ende segensreich um den Hals fällt? Wer könnte solche Flötentöne aufs hohe Lied der Brüder- und Schwesterlichkeit in Zeiten religiösen Fundamentalismus’, sich überschlagender Flüchtlingskrisen und europäischer Grenzschließungen überzeugend anstimmen?
Andererseits
waren die Zeiten selten besser für Lessings «dramatisches Gedicht». Schließlich hat es sein Autor nicht als das bequeme Erbauungsgesäusel geschrieben, zu dem der Schulbuchklassiker geworden ist, sondern als politische Streitschrift. Ging es damals gegen den autokratischen Anspruch einer christlichen Herrschaftsreligion, wäre heute die Ohnmacht einer idealistischen Position ein Hebel für Nathans Widerspruch. Allerdings muss man diesem unglaublichen «Nathan» dafür auch ein Stück weit glauben. Sprich: vertrauen.
Menschen im Hotel
Armin Petras hat sich dem Problem über einen Umweg genähert, sowohl ästhetisch als ...
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Theater heute Mai 2016
Rubrik: Aufführungen, Seite 10
von Franz Wille
Aachen, Grenzlandtheater
29. Didion, Das Jahr magischen Denkens
R. Uwe Brandt
Aachen, Theater
8. Gorki, Wassa Schelesnowa
R. Ewa Teilmans
12. Mezger, Als ich einmal tot war und Martin L. Gore mich nicht besuchen kam
R. Stefan Rogge
27. Price, Die Radikalisierung Bradley Mannings
R. Dominik Günther
Aalen, Theater der Stadt
28. nach Nibelungen, Hilde & Hilde
R. Jasmin Schädler
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Nora barmt. «Dein kleines Eichhörnchen würde herumhüpfen und Kapriolen schlagen, wenn du lieb und artig bist» säuselt Karin Enzler im eigenartig verrutschten Konjunktiv. Aber ein Hüpfen kann man sich ganz und gar nicht vorstellen bei dieser Nora, die kühl und emotionslos halb zu sich selbst spricht, halb ans Publikum und praktisch gar nicht an ihre Mitspieler....
Es ist dieser Moment in Daniela Löffners angstfrei emotionaler Inszenierung von Brian Friels Turgenjew-Dramatisierung «Väter und Söhne», wenn tatsächlich jeder Widerstand bricht. Der pensionierte Militärarzt Wassilij Iwanowitsch Bazarow, ein großer Mann, der sich sehr klein fühlt und das hinter vielen Worten zu verbergen sucht, ist verstummt. Sein Sohn ist tot,...
