Sehr intim und doch universell

Der Regisseur Mario Banushi und sein persönliches Universum: Mythologien der Erinnerung

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Das ärmliche graue Haus, beleuchtet von einer trostlosen Straßenlaterne, an der ein Fahrrad lehnt, steht nicht in Westeuropa, auch nicht in Athen. Sondern in der osteuropäischen Provinz auf dem Balkan. Vor dem Haus steht eine alte Frau mit langem weißen Haar. Aus dem Haus hören wir die Schreie einer Geburt. Die wenigen Gegenstände in der dunklen Weite einer Bühne – das Haus, die Laterne, ein Fahrrad, ein Bett, ein Wasserbecken – markieren mit karger Deutlichkeit eine Landschaft der Erinnerung und Assoziation.

Eine junge Frau/Mutter gebiert ein Kind, eine sehr alte Frau/Großmutter wird von einem jungen Mann gefüttert und gewaschen. Ein junges Mädchen wirft dem jungen Mann Orangen zu. Das Paar küsst sich unter einem Brautschleier. Ein anderer junger Mann nähert sich rückwärts kriechend wie ein Insekt oder eine Hieronymus-Bosch-Figur. Zwei Männer, die sich lieben. Das junge Mädchen, das alleine bleibt, taucht in das Wasserbecken, das auch ein Taufbecken sein könnte. Sie wird von der älteren Frau/Mutter aus dem Wasser gezogen, gekleidet, gekämmt und ins Leben geschickt. Wollte sie nicht mehr leben, oder vollzog sie eine Taufe? Die Frau hebt die Kleider und Gegenstände auf und wirft sie ...

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Theater heute Juni 2025
Rubrik: International, Seite 38
von Stefanie Carp

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