Sehr intim und doch universell
Das ärmliche graue Haus, beleuchtet von einer trostlosen Straßenlaterne, an der ein Fahrrad lehnt, steht nicht in Westeuropa, auch nicht in Athen. Sondern in der osteuropäischen Provinz auf dem Balkan. Vor dem Haus steht eine alte Frau mit langem weißen Haar. Aus dem Haus hören wir die Schreie einer Geburt. Die wenigen Gegenstände in der dunklen Weite einer Bühne – das Haus, die Laterne, ein Fahrrad, ein Bett, ein Wasserbecken – markieren mit karger Deutlichkeit eine Landschaft der Erinnerung und Assoziation.
Eine junge Frau/Mutter gebiert ein Kind, eine sehr alte Frau/Großmutter wird von einem jungen Mann gefüttert und gewaschen. Ein junges Mädchen wirft dem jungen Mann Orangen zu. Das Paar küsst sich unter einem Brautschleier. Ein anderer junger Mann nähert sich rückwärts kriechend wie ein Insekt oder eine Hieronymus-Bosch-Figur. Zwei Männer, die sich lieben. Das junge Mädchen, das alleine bleibt, taucht in das Wasserbecken, das auch ein Taufbecken sein könnte. Sie wird von der älteren Frau/Mutter aus dem Wasser gezogen, gekleidet, gekämmt und ins Leben geschickt. Wollte sie nicht mehr leben, oder vollzog sie eine Taufe? Die Frau hebt die Kleider und Gegenstände auf und wirft sie ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Juni 2025
Rubrik: International, Seite 38
von Stefanie Carp
Alles ganz schön eng hier. Die Stuhlreihen für die Zuschauer, der Denkhorizont im Dorf, das Hundegeschirr, die Fluchtwegschluchten. Umhegt wird die Enge von Maschendrahtzaun, mindestens mannshoch, die Gittertüren scheppern im Geviert. Ein Land wie ein Zwinger, raus oder rein geht’s niemals unkontrolliert.
Andererseits: Alles ganz schön clean hier. Die beiden...
Eine fahle Projektion auf dem schwarzen Bühnenvorhang im Akademietheater verrät es vorab: In «Die Wurzel aus Sein» schreibt Autor Wajdi Mouawad über sich selbst. Gleichwohl entwirft das Stück des 1968 im Libanon geborenen Kanadiers eine besondere Variation des Genres Autofiktion: Mouawad schildert nicht, wie sein Leben war, sondern wie es hätte sein können.
Da...
Im zweiten Akt sitzt der Kriegsveteran und Jahrmarktschausteller Eugen Hinkemann in einer Arbeiterkneipe mit ein paar Genossen beim Bier. Einer von ihnen, bei Ernst Toller heißt er Michael Unbeschwert, hat gerade die neue Gesellschaftsordnung in Aussicht gestellt, in der «eine vernünftige Menschheit ein glückliches Dasein» produziert. Ob das für alle gelte, will...
