Schicksalsfragen
Für Drehbuchautorin Melanie ist der Fall klar: Der Schwarze Schausteller Ricardo hat seinen ebenfalls Schwarzen, aber weiß gelesenen Zwillingsbruder Timo deshalb im Streit erstochen, weil sich hier die strukturelle Gewalt der weißen Vorherrschaft auswirkt. Irgendwelche genetischen Zufälle haben ihnen zwar unterschiedliche Hautfarben mitgegeben, aber «die beiden kommen aus der gleichen Gebärmutter, haben dieselbe abgefuckte Fa -miliengeschichte, die gleiche Armut, wachsen im selben hässlichen Häuserblock auf».
Deshalb folgert Melanie messerscharf: Ricardo und Timo hatten aufgrund ihrer Hautfarbe grundverschiedene Leben. «Damit kann man diese rassistischen Strukturen entlarven … Ricardos Kriminalisierung ist rassifizierte Kontinuität. Ich weiß es.»
Melanie ist Schwarz, topfit in Critical Race Theory und anwendungsorientiert. Sie interpretiert Ereignisse ausschließlich aus dieser Theorieperspektive, und wenn ein Fall doch nicht so richtig passt, ist schon vorgekommen, dass sie ihn passend gemacht hat. Als sie noch Journalistin war, wurde eine Reportage von ihr über einen weiß gelesenen Schwarzen, der zum Neonazi geworden ist und seine weiße Mutter zusammengeschlagen hat, mit mehreren ...
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Theater heute April 2026
Rubrik: Aufführungen, Seite 14
von Franz Wille
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