Scherzverwandtschaften
«Das leidendste Tier auf Erden erfand sich das Lachen»
Friedrich Nietzsche
Im 13. Jahrhundert», erklärt uns der aus Burkina Faso stammende Politikwissenschaftler Wilfried Zoungrana, «legte der Kaiser des damaligen Malireiches ‹Scherzverwandtschaften› zwischen verschiedenen Völkern fest, um Frieden zu stiften.
» Was mag das bedeuten? Hinter dem Wort Scherzverwandtschaften steckt eine sehr alte westafrikanische Kulturtechnik, die offenbar auch größte Konflikte zwischen verschiedenen Ethnien oder religiösen Gruppen, gewaltlos entschärfen kann. In Burkina Faso ist sie unter dem Namen «Parenté à Plaisanterie» bis heute überall verbreitet.
Als wir im Frühjahr 2010 zur Vorbereitung von Christoph Schlingensiefs Opernprojekt «Via Intolleranza II» dort mehrere Wochen zu Besuch waren, konnten wir ihre Anwendung fast täglich live erleben: Plötzlich aus heiterem Himmel begannen Menschen, sich übel zu beschimpfen. Das ging bis weit unter die Gürtellinie. Die Streitenden schreckten auch vor rassistischen und sexistischen Ausfällen nicht zurück. Als Außenstehender bekam man Angst. Das Ganze schien gefährlich zu eskalieren.
Aber an dem Punkt, wo man dachte, jetzt werden sie sich gleich an die ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute 12 2022
Rubrik: Kolumne, Seite 71
von Carl Hegemann
Theater heute
Die Theaterzeitschrift im 63. Jahrgang Gegründet von Erhard Friedrich und Henning Rischbieter
Herausgeber Der Theaterverlag – Friedrich Berlin
Redaktion Eva Behrendt Franz Wille (V.i.S.d.P.)
Redaktionsbüro Katja Podzimski
Gestaltung Christian Henjes
Redaktionsanschrift Nestorstr. 8–9, 10709 Berlin, Telefon 030/25 44 95 10, Fax 030/25 44 95 12...
Bevor es losgeht, muss ich kurz erklären: Normalerweise halten wir uns in unserer Redaktion an die Regel, dass keine älteren männlichen Kritiker über 20 bis 30 Jahre jüngere Schauspielerinnen schreiben. Paternalistisch wäre das ohnehin, da gibt es kein Entkommen, aber auch die Gefahr, in die Untiefen blümeranterer Anbetungsmetaphorik zu stolpern, ist einfach sehr...
Wir sind schon da» – unter diesem Titel outeten sich Anfang Februar 2021 185 deutsche Schauspieler:innen im «SZ»-Magazin als lesbisch, schwul, bisexuell, trans*, queer, inter und non-binär, und forderten mehr Anerkennung in Theater, Film und Fernsehen. «Wir gehen nun gemeinsam den Schritt an die Öffentlichkeit, um Sichtbarkeit zu schaffen», heißt es im Manifest...
