Haltet den Dieb!

Jens Balzer begibt sich auf ideologisch vermintes Gelände: «Ethik der Appropriation»

Theater heute - Logo

Ein perfektes Dilemma: Kulturelle Appropriation, also die Aneignung von Elementen fremder Kulturen, ist einerseits unverzichtbar, wenn es um einen kulturellen Austausch gehen soll, der sich nicht in den engen Grenzen einer gefühlt eigenen Kultur einmauern will. Denn die Verweigerung jeder kulturellen Appropriation führt geradewegs in den Ethnozentrismus: Jeder bleibt auf seiner Scholle! Einerseits.

Andererseits kann kulturelle Appropriation schnell herablassenden Rassismus bedeuten, siehe Blackfacing: Man eignet sich Elemente einer fremden Kultur an, um sich als überlegen zu präsentieren. Aber darf man indigene Amerikaner:innen Indianer:innen nennen, oder ist das schon eine diskriminierende koloniale Fremdbezeichnung? Ist ein Federschmuck auf dem Kindergeburtstag schon die Herabwürdigung einer Kultur, die von weißen Kolonisatoren brutal unterdrückt und fast ausgerottet wurde? Auch wenn die lieben Kleinen dabei vor Bewunderung glühende Winnetou-Fans sind? 

Die Fronten in der Debatte wie auf anderen Baustellen der Identitätspolitik sind längst ideologisch verhärtet. Wie kommt man da wieder heraus? Jens Balzer, langjähriger Popkritiker der «Berliner Zeitung», versucht in seiner ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute 12 2022
Rubrik: Bücher, Seite 52
von Franz Wille

Weitere Beiträge
Plakativ kaputt

Sibylle Berg zu lesen, wenn man gut drauf ist, in der Hoffnung, dann würde man nicht ganz so depressiv, ist Blödsinn. Am besten funktioniert ein Buch wie «GRM Brainfuck» dann, wenn bereits eine solide Grundverzweiflung vorhanden ist. Dann kann es geradezu hilfreich sein, wie Berg klar und mit illusionslosem Humor Bilanz zieht. Ein Beispiel: «Es war die Zeit, in der...

Der Triumph der Waldrebe in Europa

1

Ein Video. Tim, Anfang 20. Der Kanal heißt TimFeels. Der Titel des Videos ist ES TUT MIR LEID. 
Tim Hallo. Ja, also. Viele von euch haben mir nach meiner Sperre geschrieben und mich gefragt, wie es mir geht. 
Das war super von euch und hat mir echt ge -holfen in der Zeit. Heute möchte ich mich bei euch für mein Verhalten entschuldigen. 
Ich habe mit meinem...

Die binäre Illusion

In vielerlei Hinsicht hat die Autorin, Kritikerin und Transfrau Nora Eckert bislang ein ungeheuerliches Leben geführt. Geboren 1952 in einem Arbeiterhaushalt bei Nürnberg, fiel sie früh aus dem Rahmen. Etwa als sie, noch als Junge gelesen, auf der Realschule im Biologieunterricht ein Re -ferat über Homosexualität zu halten drohte (es wurde untersagt), als sie kurz...