Haltet den Dieb!

Jens Balzer begibt sich auf ideologisch vermintes Gelände: «Ethik der Appropriation»

Theater heute - Logo

Ein perfektes Dilemma: Kulturelle Appropriation, also die Aneignung von Elementen fremder Kulturen, ist einerseits unverzichtbar, wenn es um einen kulturellen Austausch gehen soll, der sich nicht in den engen Grenzen einer gefühlt eigenen Kultur einmauern will. Denn die Verweigerung jeder kulturellen Appropriation führt geradewegs in den Ethnozentrismus: Jeder bleibt auf seiner Scholle! Einerseits.

Andererseits kann kulturelle Appropriation schnell herablassenden Rassismus bedeuten, siehe Blackfacing: Man eignet sich Elemente einer fremden Kultur an, um sich als überlegen zu präsentieren. Aber darf man indigene Amerikaner:innen Indianer:innen nennen, oder ist das schon eine diskriminierende koloniale Fremdbezeichnung? Ist ein Federschmuck auf dem Kindergeburtstag schon die Herabwürdigung einer Kultur, die von weißen Kolonisatoren brutal unterdrückt und fast ausgerottet wurde? Auch wenn die lieben Kleinen dabei vor Bewunderung glühende Winnetou-Fans sind? 

Die Fronten in der Debatte wie auf anderen Baustellen der Identitätspolitik sind längst ideologisch verhärtet. Wie kommt man da wieder heraus? Jens Balzer, langjähriger Popkritiker der «Berliner Zeitung», versucht in seiner ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute 12 2022
Rubrik: Bücher, Seite 52
von Franz Wille

Weitere Beiträge
Better Call Paul

Sein allererster Auftritt dauert keine Schreckminute: Als der Berliner Unternehmer Arthur Grünberg (Alexander Scheer) nachts in seinem noch nicht eröffneten Kaufhaus Jonass Geräusche hört, erwischt er nicht die drei jungen Eindringlinge, die den Lärm verursacht haben, sondern seinen einstigen Front-Mechaniker Gerd Helbig, der reichlich verwahrlost mit einer Flasche...

Mehr Schein als Sein

Bonn Park findet «Mash-ups von Genres und Stilen interessant» und inszeniert mit «Der Phönix aus der Währung» am Theater Basel ein pseudofranzösisches Barock-Oper-Komödien-Utopie-Promi-Legendenmärchen. Oder, wie es im Untertitel etwas verkürzt heißt, einen «Finanzthriller mit Musik und Gesang». Am augenfälligsten der Barock. Sina Manthey hat für die Schauspieler...

Vor den Vätern

Es liegt Mehltau über den Komödien unserer Tage. Ein Gefühl, dass unsere Vitalität schwindet. Die schönen Jahre der Friedensrendite sind vorüber, die billigen Kredite, das selbstvergessen unbeschwerte Wachstum. «Jetzt präsentiert uns der sogenannte Sozialismus / die Rechnung», heißt es im «Theatermacher» von Thomas Bernhard, «die Kassen sind leer / Europa ist...