Scheitern, klassisch

Goethe «Faust» im Gefängnistheater aufBruch Berlin

Theater heute - Logo

Dumpf ist das Volk und feierwütig. Dass sich die deutsche Geselligkeit unter Alkoholeinfluss gerne mal in Polonaisen Bahn bricht und dabei «Fiesta Mexicana» grölt, ist allgemein bekannt. Im Unterholz einer Berliner Grünanlage wirkt die Exotisierung der Migration im Deutschen Schlager allerdings besonders grotesk – eine Art Running Gag zwischen religiöser Prozession und militärischem Marsch, der vom Ensemble zwar angemessen lächerlich ausgeführt wird, aber längst nicht mehr lustig ist.

Natürlich interessiert sich das migrationshintergrunddiverse Berliner Gefängnistheater aufBruch in seinem Zugriff auf «Faust», den vielleicht deutschesten aller deutschen Klassiker, vor allem für die Gesellschaft und dafür, was diese «im Innersten zusammenhält». Wie wenig es dabei um individuelle Schicksale oder Perspektiven geht, macht Regisseur Peter Atanassow schon durch die Besetzung klar: Die Rollen des alten weißen Mannes Heinrich Faust und seines teuflischen Side-Kicks Mephisto hat er gleich dreifach besetzt: entindividualisiert, wie in jeder guten Parabel.

Zum vierten Mal bespielt aufBruch nun für einige Sommer-Wochen das Areal hinter dem Kulturbiergarten Jungfernheide, auf dem sich die ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Oktober 2024
Rubrik: Chronik, Seite 57
von Anja Quickert

Weitere Beiträge
Ein Schritt in die künstlerische Provinzialisierung

Theater heute Der Haushaltsentwurf des Bundes für 2025 sieht schlimme Einschnitte für die Freie Szene an zwei gravierenden Stellen vor. Einerseits soll der Fonds Darstellende Künste gekürzt werden von 10,3 Millionen Euro 2024 auf fast die Hälfte in 2025, nämlich nur 5,6 Millionen Euro. Dieser Fonds ist einer der großen und wichtigen überregiona -len Player in der...

In jeder Ecke schwarz

Wie das Innere eines Gurkenglases schimmern die Bühnenwände: trübe, grün, irgendwie geheimnisvoll. Doch natürlich nur, wenn Licht auf sie fällt. Normalerweise steht das saure Gemüse in Reihen in dunklen Kellerregalen. Und so stehen auch die fünf Schauspieler als abstrakte Einlegeware in beige-braunen Jumpsuits (Bühne und Kostüme Heike Mondschein) nebeneinander...

Die Perfektion und ihr Preis

Die Direktion Stefan Bachmanns am Burgtheater beginnt mit Geistern, nur eben alles andere als gespenstisch. Zahlreiche Menschen mit Bettlaken überm Kopf, jeweils zwei kleine Löcher für die Augen, bevölkern drei unterschiedlich große Scheiben, die Katrin Brack auf der Bühne platziert hat. Die wie gezeichnet aussehenden Spukgestalten starren dann also nach vorne und...