Schein und Sein
Der Narr bleibt in Erinnerung: schlaksig, ein bisschen valentinesk, mit bayrischer Intonation. Singt altenglische Lieder oder pfeift sich eins, schießt imaginäre Liebespfeile ins Publikum, ist überall und nirgendwo. Felix Strobel spielt ihn mit geistreich-witziger Ernsthaftigkeit, mit warmer Stimme, feinsinnig mit den Worten jong -lierend.
Glaubwürdig, dass dieser Narr das Spiel um Sein und Schein, Täuschung und Verwechslung von Anfang an durchschaut – was zu einer merkwürdig aus dem Rahmen fallenden Szene an der Rampe führt: Er trifft auf Viola, die in Illy -rien gestrandete, als Mann verkleidete Adelige, und man lauscht plötzlich einem höchst intimen Gespräch zwischen zwei Vertrauten – das latent Geschlechtsidentitäten verhandelt.
Ein Theateraugenblick von großer Intensität, der an diesem Abend singulär bleibt. Warum aber bloß hat man Strobel eine Clownsmaske ins Gesicht gemalt und eine Prinz-Eisenherz-Perücke auf den Kopf gesetzt (Kostüme Ute Lindenberg)?
In Burkhard Kosminskis Inszenierung von Shakespeares Liebeskummerkomödie «Was ihr wollt» am Stuttgarter Schauspiel lassen sich die Figuren jedenfalls nicht in die Seele schauen. Subtilere Dialoge wirken oft länglich, weil die ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Januar 2024
Rubrik: Chronik, Seite 61
von Verena Großkreutz
Für Heiner Müller war der «Ui» noch ein abgründiges Stück: «Im ‹Arturo Ui› gibt es viel Mechani -sches, Pennälerhaftes, Travestie», schreibt Müller in seiner Autobiografie, «aber plötzlich kommen böse Stellen, zum Beispiel wenn Givola (Goebbels) zu Roma (Röhm) sagt: ‹Mein Bein ist kurz, wie? So ist’s dein Verstand / Jetzt geh mit guten Beinen an die Wand.› Das sind...
Mit «Kill Baby» und «Pirsch» widmete Ivana Sokola sich bislang eher kleinformatigen dramatischen Konflikten. Der Sprung hin zu ihrem neuesten Stück ist ein großer, schließlich soll es um die Europäische Union und ihre Abgeordneten gehen, die im Dienstwagen zwischen Brüssel und Strasbourg Steuergelder verbraten und zugleich dafür sorgen, dass auch der letzte...
Grunzende Gestalten in blau-grünen Vollplastik -anzügen wanken über die im Nebel wabernde Bühne, untermalt von mystischen Klangwelten (Tom Gatzka). Dieser Start der Menschheitsgeschichte im Zeitraffer erstaunt, denn angekündigt war eine Art Dokumentartheater in der Kammerbühne des Staatsschauspiel Cottbus. Doch der Einstieg wirkt eher wie ein Endzeitspiel. Einer...
