Schatten der Vergangenheit
Nicht immer gibt es gute Argumente für Romanadaptionen auf der Bühne, und die Bereitschaft der Theater, sich mit neuen originären Stücken zu beschäftigen, könnte nach wie vor größer sein. Dennoch, in Fällen wie den beiden Münchner Mai-Premieren – «Die 40 Tage des Musa Dagh» nach Motiven von Franz Werfel am Residenztheater und «América» nach dem Roman von T. C. Boyle an den Kammerspielen – springt der neuralgische Gegenwartsgehalt der beiden epischen Textvorlagen so unmittelbar in Auge, dass es dafür keine extra Rechtfertigung braucht.
Nach wie vor gilt Werfels akribisch recherchierter, 1933 erschienener und kurz darauf von den Nationalsozialisten verbotener Bericht über den verlust-, aber auch erfolgreichen Freiheitskampf einer Dorfgemeinschaft auf dem Mosesberg als berühmtestes Buch über den Völkermord an den Armeniern. Dass es zudem auch als erschreckend visionäre Parabel auf den jüdischen Widerstand in den Ghettos während des Zweiten Weltkriegs gelesen werden kann, ist nur ein weiterer Aspekt seiner Brisanz. Und der Amerikaner T.C. Boyle analysierte bereits 1995 hellsichtig und konkret, wie schnell die Konfrontation mit dem echten Anderen, hier in Gestalt illegaler ...
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Theater heute Juli 2016
Rubrik: Aufführungen, Seite 12
von Silvia Stammen
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