Saarbrücken: Nah bei K.
Ein Herrenanzug auf einem Tisch. Sechs Männer und eine Frau, allesamt stummfilmhaft geschminkt und in weißer Feinripp-Unterwäsche, zupfen an ihm herum, bringen ihn allmählich zum Tanzen. Dann stülpen sie den Anzug einem von sich über, dem staunenden jungen Mann mit der Stirnlocke. Und im Handumdrehen ist er zum Protagonisten in Kafkas Erzählung «Das Urteil» geworden, der am Tisch sitzend einen Brief an seinen fernen Freund zu verfassen versucht. Dabei führen ihm die miteinander verschmolzenen restlichen Akteure wie einer Marionette die Hand, grübeln und streiten mit ihm.
Kurz darauf zerbirst die lebende Plastik in verschiedenste Väterfiguren – vom Tattergreis bis zum zackigen Befehlshaber –, die dem Sohn chorgewaltig die Leviten lesen.
Rasch geht es in die nächste Kafka-Erzählung über, und zunehmend verliert man die Orientierung in dem erstaunlichen szenisch-dramatischen Fragment-Labyrinth, das Laura Linnenbaum am Saarländischen Staatstheater aus zahlreichen Kafka-Erzählungen, Briefen und Tagebucheintragungen geknüpft hat. Auf dem Hauptpfad dieses Abend stolpern die K.s (Universalchiffre für alle Anti-Helden Kafkas, sei es Gregor Bendemann, Josef K., Karl Roßmann oder ein ...
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Theater heute November 2018
Rubrik: Chronik, Seite 59
von Natalie Bloch
Schön war der Dreißigjährige Krieg nicht, schön ist er jetzt erst geworden – in Kehlmanns Roman «Tyll» und noch schöner in Stefan Bachmanns Bühnenversion. Folter, Hinrichtung, Morde, Schlachten – alle Kriegsgräuel kommen im Roman vor, in wunderbar sparsamer, wasserklarer, geschmeidig fließender Sprache mit dezent gesetzten Pointen. Folter, Hinrichtung, Morde,...
Blut ist eine hartnäckige Flüssigkeit. Es klebt an Körpern und Kleidern, macht zuverlässig ein schlechtes Gewissen und will, einmal vergossen, einfach nicht aus der Welt verschwinden. Es wird weitergetragen, von Generation zu Generation: Blut ist dicker als Wasser, und seine Verwandten kann man sich nun mal nicht aussuchen.
Das gilt auch für Orest, den letzten...
Wer gegen die «Lügenpresse» wütet, der glaubt auch, dass Gender Mainstreaming ein perfides Programm zur Gleichschaltung des Begehrens sei und nennt politisch korrekte Sprachempfehlungen verächtlich «Neusprech». Pegida und AfD haben George Orwells 1949 erschienenen Roman «1984» genau gelesen, was absurderweise zur Folge hat, dass die totalitarismuskritische Dystopie...
