Ritual für alle und von allen
1. Wald
Wir haben zwar keine Zahlen zur Hand, aber durchaus ein gewisses Bewusstsein davon, was zu viel ist, was nicht sparsam ist auf einer Bühne. Und immer, wenn wir so etwas sehen, lehnen wir es instinktiv ab. Zum Beispiel neulich im Schauspiel Stuttgart den riesigen Wald, der überraschend vom Bühnenboden heruntergelassen wurde – für gefühlte drei Minuten einer zweieinhalbstündigen «Räuber»-Inszenierung – und dann wieder dahin verschwand.Unser eigener Apparat, der von She She Pop, ist verglichen mit dem Schauspiel Stuttgart klein und schlank.
Wir waren immer stolz darauf. Jetzt beneiden wir den jungen Regisseur, zu dem der Freundeskreis des Schauspiel Stuttgart (so eine Art Aktionärs-Versammlung, nur ohne finanzielle Interessen) und die in der Öffentlichkeit stehende künstlerische Leitung, die den Wald vertritt, Ja gesagt haben. Wir beneiden den Bühnenbildner, der diesen Wald hat herstellen lassen dürfen. Und die vielen Angestellten, die daran im Rahmen ihrer Tarifverträge in ihrer Arbeitszeit arbeiten durften.
Die öffentliche Hand zeigt sich reich und großzügig, die öffentliche Hand arbeitet. Das Publikum (die öffentliche Hand) wirft einen Blick darauf für drei Minuten, auf ...
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Theater heute Jahrbuch 2014
Rubrik: Reale Utopien, Seite 14
von She She Pop
Vier Freundinnen, Mitte 20. Im grellen Saallicht trotten sie auf die Bühne. Blicken drein wie frisch verliebt in die Sinnkrise. Wadenlange Blümchenröcke. Blickdichte Strümpfe. Schlabber-Sweater, brutale Hornbrillen, Notfrisuren. Je ein Finger steckt in gut geleerten Wodkaflaschen. Je ein Erkenntnisrausch vernebelt das Gemüt: «Es sagt mir nichts, das sogenannte...
Neulich war ich für ein Projekt auf dem Balkan, bestellte bei einem Barkeeper ein Bier, bis er mich fragte, was ich so mache? Ich sagte, ich bin Schauspieler, nein nein, was ich tue, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen; und mit dem Bier schob er mir mein Trinkgeld zurück. Als ich in Thailand dieselbe Frage gestellt bekam, war ich schon gar nicht mehr verwundert,...
Sich eine Welt auszumalen, in der das Realitätsprinzip abgeschafft ist, praktische Umstände keine Rolle spielen und der Wunsch nur darauf wartet, seine Erfüllung zu finden, das hat wenig mit der Art und Weise zu tun, mit der ich mich durchs Leben bewege. Deswegen entspricht es meinem Bild des idealen Theaters und meinem Selbstverständnis, dass die Künstlerische...
