Im Tal (In the Valley)

Der ausländische Dramatiker des Jahres Martin Crimp, geboren 1956 in Dartford: In der vergangenen Spielzeit feierten «Alles Weitere kennen Sie aus dem Kino» und «In der Republik des Glücks» als deutsche Erstaufführungen in Hamburg und Berlin Premiere

Theater heute - Logo

Tja.
Hier bin ich.
Ich hab’s geschafft: Ich habe überlebt. Ich spreche. Ich bewege mich. Es ist großartig.
Es ist großartig zu sprechen.
Ich bin nicht mitfühlend.
Bringen wir es hinter uns: Legen wir es vor uns auf den Tisch – wie die Autoschlüssel. Nicht mitfühlend.
Aber Moment: Welche Autoschlüssel?
Welcher Tisch? Gute Frage.

Ich möchte Ihnen danken.
Ich möchte Ihnen für diese Gelegenheit
danken.
Ich möchte Ihnen danken.


Ich spreche, ich bewege mich, es ist großartig, vielleicht war es nicht ganz so großartig, aber jetzt ja, jetzt ist es wirklich großartig.

Das Licht hier ist großartig.
Wirklich gutes Licht.
Aber es gibt ein Problem – nicht mit dem Licht – mit dem Licht gibt es kein Problem – aber ein Problem gibt es trotzdem.

Oje, mein kleiner Junge starb an Krebs. Nicht wahr. Oje, es gab einen furchtbaren Unfall. Nicht wahr. Oje, ein schrecklicher Terror­anschlag. Nicht wahr, nicht wahr. Großartiges Licht. Wirklich gut. Oh nein: Das kleine
Mädchen wurde vergewaltigt. Nein – nicht wahr. Nicht darum. Darum geht es nicht. Das ist nicht das Problem. Welches Problem?
Dazu komme ich später.

Ich bin hier. Ich hab’s geschafft. Ich spreche, ich bewege mich – aber sehr wenig. Mir
ist aufgefallen, wie ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Jahrbuch 2014
Rubrik: Stücke des Jahres, Seite 84
von Martin Crimp

Weitere Beiträge
Balz Schweizer wird zum Störfaktor

Die Schweiz ist ein friedliebendes Land, und Revolten, geschweige denn Revolutionen, sind hier, zumindest in der neueren Geschichte, doch relativ selten. Wenn sie irgendwann aber doch entstehen – wie beispielsweise im Zuge der Jugendunruhen 1968 und in den 80er Jahren –, geschieht dies allerdings mit einer nahezu erschreckenden Vehemenz, die so gar nicht zu diesem...

Die Veränderungs­aneigungsmaschine

In meiner Vorstellung ist dieses Theater eine architektonische, räumliche Erweiterung meines Körpers. Ein Wahrnehmungsapparat. Was sich eröffnet, ist ein Ort, in dem alles fröhlich uneindeutig ist, so klar es auf den ersten Blick auch erscheinen mag. Die Architektur, die Schichtung des Baumaterials, die Wände. Oder die Türen, mit flackernden Notausgangsschildern,...

NO FEAR!

Früher, in Hamburg, träumte ich von einem Theater auf der Spitze des Kamerunkais. Es war die architektonische Umsetzung einer Sequenz von Fragmenten aus Hölderlins «Titanen»-Entwurf (z.B. «Und in den Ocean schiffend / Die duftenden Inseln fragen / Wohin sie sind») und vereinte die räumlichen Möglichkeiten für ein Gastmahl (Пир королей) im Untergrund des...